Die Ausstellung Tirailleurs ist eine Intervention in die Repräsentation der historisch marginalisierten und instrumentalisierten Tirailleurs, die unter dem europäischen Kolonialismus als Soldat*innen rekrutiert und über Kontinente hinweg an Kriegsfronten geschickt wurden und deren entscheidender Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg in den vorherrschenden historischen Narrativen verkannt wird. Die Ausstellung konfrontiert das Vergessen und das whitewashing der Geschichte der Tirailleurs. Indem sie diese als Subjekte in der Geschichte der Befreiung definiert, schafft die Ausstellung einen gemeinsamen Raum der Erinnerung an Leben und Beitrag der Tirailleurs.

Ursprünglich bezeichnete der Begriff „Tirailleurs“ oder „Tirailleurs Sénégalais“ kolonisierte Gruppen, die ab 1857 von der französischen Armee in Saint-Louis im Senegal rekrutiert wurden, und wurde später auf Rekruten aus den gesamten französischen Kolonien in West- und Nordafrika, Südostasien, der Karibik und dem Pazifik ausgeweitet. Die Ausstellung versteht den Begriff nicht als feste Kategorie, sondern als kritisches Prisma, durch die die Zusammenhänge von Rekrutierung, Zwangsarbeit und Vertreibung im Krieg reflektiert werden können, sowie als Artikulation eines kritischen politischen Bewusstseins durch die Tirailleurs, das spätere antikoloniale, antifaschistische und panafrikanische Diskurse prägte. Darüber hinaus beleuchtet sie die vergessene Arbeit von Frauen und thematisiert die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten des Krieges anhand von Figuren wie den Mesdames Tirailleurs – Frauen, die die Tirailleurs begleiteten, Familien versorgten und essenzielle Care-Arbeit leisteten. Als Eckpfeiler kolonialer Regime wurden abertausende Menschen zwangsrekrutiert, wie etwa die Askari während der deutschen Kolonialzeit seit 1891 aus Ostafrika; die vielen Nigerianer, die für das Britische Empire in Burma kämpften; die marokkanischen Goumiers in der französischen Armee ab 1908; oder die afroamerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften - während im eigenen Land die Segregation unangetastet blieb. Die Ausstellung befasst sich zudem mit Menschen aus Vietnam, China sowie Nord- und Westafrika, die zur Arbeit in Rüstungsindustrie und Landwirtschaft in Frankreich gezwungen wurden. So wird der Begriff Tirailleurs erweitert und reflektiert geopolitische Asymmetrien und anhaltende Rekrutierungsprozess, die weiterhin Menschen in Kriege verwickeln, die nicht die ihren sind. Die koloniale Kontinuität wird sichtbar in ungleichen Renten, Leerstellen im öffentlichen Bewusstsein und ausstehenden Reparationsforderungen. Ihren brutalsten Ausdruck fand die Geschichte der Tirailleurs 1944 im Massaker von Camp de Thiaroye im Senegal durch weiße französische Offiziere an Tirailleurs, die lediglich ihre Löhne eingefordert hatten. Obwohl die Tirailleurs an vorderster Front der modernen Kriege standen, blieben sie in der modernistischen Avantgarde-Kunst weitgehend abwesend oder waren nur in der abwertenden rassistischen Propaganda ihrer Zeit präsent. Ihr Fehlen in der europäischen Avantgarde offenbart deren Grenzen – eine anhaltende Abspaltung von der Realität kolonisierter Menschen. Die Ausstellung zeigt zwei Ausnahmen: die Werke von Félix Vallotton und Othon Friesz, zwei europäischen Malern der Moderne, die Tirailleurs als Menschen darstellten. Dennoch beruht der Kanon der Avantgarde auf einer strukturellen Verleugnung: Die Erzählung der künstlerischen Avantgarde entfaltete sich parallel zu den kolonisierten Subjekten der Tirailleurs, der wortwörtlichen Avantgarde.

Während diese in europäischen Kriegen kämpften, ließen sich europäische Avantgarde-Künstler*innen von den kulturellen Formen genau der Regionen inspirieren, aus denen die Tirailleurs rekrutiert wurden. Masken und Skulpturen, meist aus Afrika – grundlegend für den Kubismus und anregend für den Expressionismus – wurden zu „Inspirationsquellen“, losgelöst von ihren Urheber*innen und Kontexten. Was als formale Innovation kanonisiert wurde, operierte mittels kultureller Aneignung und Ausbeutung.

Im Sylvia Wynter Foyer laden mehrere, in Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsarchitekten Yelta Köm entwickelte Agoren zum Innehalten, Zuhören und zu gemeinsamer Reflexion ein. Fünf Thematische Resonanzen stellen die Tirailleurs als Subjekte der Geschichte über Zeiten und Regionen hinweg vor.

Diese Abschnitte arbeiten „mit dem Archiv gegen das Archiv“, wie es die Literaturtheoretikerin Saidiya Hartman in ihrer Auseinandersetzung mit kolonialen Archiven vorschlägt: anstatt Bilder zu reproduzieren, die den Krieg verherrlichen oder die Objektivierung der Tirailleurs perpetuieren, stellen sie die Zeugnisse der Tirailleurs, die Reparationsforderungen von Nachkomm* innen und Aktivist*innen sowie die laufenden Prozesse der Archivrestitution in den Vordergrund. Im Foyer präsentiert werden außerdem Perspektiven von fünf Kunsträumen und Kollektiven in Dakar, Tanger, Marseille, Taipeh und Port of Spain, deren Auseinandersetzung mit der Geschichte, den Communitys und den Stimmen der Tirailleurs für Gerechtigkeit auf ihren eigenen Methoden und situativen Praktiken basiert. Und Anguezomo Nzé Mba Bikoros Videoarbeit zeigt ein Ritual in Saint-Louis, Senegal, das an die Tirailleurs über Geschlechter und Generationen hinweg erinnert.

Zeitgenössische Künstler*innen aktivieren die Ausstellungsräume mit bestehenden und neu in Auftrag gegebenen Werken, die die aktuelle Relevanz der Tirailleurs unterstreichen. Diese Kunstwerke befassen sich mit historischen Lücken in der Darstellung, angetrieben von sozialer Verantwortung oder der eigenen Familiengeschichte der Künstler*innen. In der Mrinalini Mukherjee Halle bezieht sich ein gemusterter Boden auf die Patchwork-Textilien der Baye-Fall-Gemeinschaft im Senegal, die ausrangierte Stoffreste in einem Akt der Einheit zusammennähen, sowie auf die Muster der taktischen Aufstellung senegalesischer Truppen während des Zweiten Weltkriegs. Wir werden von Daniel Lind-Ramos’ Anti-Denkmal begrüßt, einem Haufen Militärrucksäcke mit den Habseligkeiten der Tirailleurs als Symbole der Vertreibung und Not: Behälter für subjektive Fragmente von Erinnerung und Spiritualität – über Kontinente hinweg transportiert. Perlenstränge, die an den spirituellen Schmuck erinnern, den viele Tirailleurs bei sich trugen, schaffen in der Ausstellung eine künstlerische Sprache, um an die Tirailleurs als Subjekte zu erinnern – wie in Dior Thiams fließendem Denkmal, Slavs and Tatars’ Reflexion über Propaganda und die religiöse Instrumentalisierung muslimischer Tirailleurs oder El Hadj Sys Gemälde als Ausdruck einer Generation, die die Rückkehr der Tirailleurs nach Senegal miterlebte. Binta Diaws Installation aus Erde fordert das Recht auf Bestattung und die Identifizierung aller Opfer des Massakers von Thiaroye 1944.

Die Vertreibung und Arbeit der Tirailleurs erfordern eine notwendige Verlagerung der Aufmerksamkeit weg von eurozentrischen Darstellungen hin zu einer transregionalen Geschichte der Konflikte des 20. Jahrhunderts. Tiffany Chungs Gegenkartografie zeichnet die Lebenswege der Tirailleurs und der im militärischen Umfeld beschäftigten Frauen über Kontinente hinweg nach, während Tuấn Andrew Nguyễns spekulative Arbeiten Archivmaterial und Familiengeschichten neu interpretieren und so Geopolitik mit persönlichen Geschichten verbinden. Hana Yoos Videos erinnern an die Erfahrungen von vertriebenen Frauen in Kriegen am Beispiel der Zwangsprostitution, der koreanische Frauen unter dem japanischen Kolonialismus während des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt waren. Pélagie Gbaguidi wiederum würdigt mit einem gekrümmten Raum aus Textilien, Malerei und rituellen Symbolen den Mut afrikanischer Frauen, die sich der Kriegstreiberei widersetzten. Die Ausstellung verortet die Geschichte der Tirailleurs innerhalb nichtlinearer Befreiungsprozesse. Dieses Kontinuum zieht sich durch Mónica de Mirandas Installation über die Befreiung Angolas und Josèfa Ntjams Film, in dem maskierte Figuren auf einer kosmisch-geologischen Reise Erinnerungen in emanzipatorische afrofuturistische Vorstellungswelten tragen. Unterdessen reflektiert Abrie Fourie auf einer Reise nach Namibia und Angola über seine Wehrpflicht als Jugendlicher in Südafrika, die ihn in fremde Kriege verwickelte. Im Marielle Franco Space beschäftigt sich Kathleen Bomanis Film mit dem kollektiven Gedächtnis und nichtmenschlichen Zeugnissen in Tansania und greift dabei oft ausgesparte Geschichten des Widerstands gegen den deutschen Kolonialismus vor dem Ersten Weltkrieg auf.

In der Beatriz Nascimento Halle setzen sich Künstler*innen mit der Fragmentierung von Communitys durch Krieg und Zwangsmigration auseinander. Entgegen nationalistischen Narrativen behandeln diese Werke Erinnerung nicht als nahtloses Kapitel der Geschichte, sondern als heterogene Realitäten, die aus Brüchen zusammengesetzt werden können. Halida Boughriets Fotografien zeigen, wie das Zuhause zu einem Altar oder Museum werden kann – einem autonomen Ort der Anerkennung und Erinnerung, wenn offizielle Narrative die Geschichte von migrantischen Communitys, darunter auch die vieler Tirailleurs, nicht bewahren können. Josèfa Ntjams Fotomontagen beziehen sich auf die spekulativen Welten der Neuzusammensetzung, in denen Archivbilder von Widerstandskämpfer* innen neu interpretiert werden. Diese fragmentarische Poetik der Erinnerung ist eine Antwort auf Othon Friesz’ La Guerre (1915), eines der wenigen modernistischen Gemälde, das die Tirailleurs im Rahmen der Avantgarde darstellt und das Grauen und Chaos des Krieges einfängt. Im angrenzenden Raum hinterfragen Nadia Kaabi-Linke, Barthélémy Toguo und Oscar Atanga offizielle Darstellungen kolonialer Archive, die den Tirailleurs Militäruniformen und einen kontrollierenden Blick aufzwangen. Daneben greifen Godfried Donkors Werke auf die Allegorie des Boxers zurück, um die Ausdauer, den Kampf und die Verletzlichkeit der Tirailleurs zu evozieren. Kader Attias Installation setzt sich mit der rassistischen Propaganda auseinander, die zu einer abwertenden Wahrnehmung der Tirailleurs geführt hat, und unterstreicht, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der komplexen Geschichte der Tirailleurs ist, um den strukturellen Rassismus von heute zu bekämpfen.

Antimilitaristische Positionen prägen den letzten Teil der Ausstellung. Statt die Tirailleurs auf heroische Ikonen zu reduzieren, thematisieren sie die Grausamkeit des Krieges und seine Folgen für alle Menschen. Im Bessie Head Foyer aktiviert die Plakatserie von Francisco Vidal Friedenspädagogik, während im Lydie Dooh Bunya Space Mario Pfeifers Video aktuelle Rekrutierungsprozesse problematisiert. Auf der Paulette Nardal Terrasse thematisieren drei Flaggen von Juan-Pedro Fabra Guemberena geopolitische Spaltungen, die Rüstungsindustrie und die Verletzlichkeit der dem Krieg ausgesetzten menschlichen Haut, während Pascale Marthine Tayos sechzehn Flaggen im Bibisara Oripova Driveway an die Werkzeuge erinnern, durch die Frieden denkbar wird. In Yassine Balbziouis Wandbild entlang der Fassade des HKW gewinnt die Maske, einst von der europäischen Avantgarde vereinnahmt, ihr Subjekt zurück: immer von einem Menschen getragen, als Vermittlerin von Identitäten und Welten. Die Ausstellung hinterfragt die kunsthistorische Vorstellung der Avantgarde, Kunst nur durch Revolutionen der Form zu betrachten. Stattdessen zeigt sie Kunst, die auf diejenigen blickt, die sich bewegten, arbeiteten, kämpften, die Geschichte der Befreiung verkörperten und zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.