Slavs and Tatars

Slavs and Tatars, Reverse Dschihad (Urdu) (2015). Ausstellungsansicht bei Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin (2015)
Das Künstler*innenkollektiv Slavs and Tatars setzt sich in seinen Arbeiten mit den kulturellen, politischen, historischen und sprachlichen Verflechtungen der eurasischen Geografie auseinander und beleuchtet diverse Facetten von Übersetzung, politische Aspekte von Alphabeten, Transliteration, religiöse Rituale, Propaganda, Mystik und Popkultur. Charakteristisch ist dabei, wie das Kollektiv sein philologisches Interesse mit subversivem Humor, Typografie und grafischen Elementen verwebt. Reverse Dschihad beschäftigt sich mit einer propagandistischen Strategie des Deutschen Reiches während des Ersten Weltkriegs, die im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf bei Berlin zu einem seltsamen historischen Phänomen führte: Max von Oppenheim, Gründer und erster Leiter der „Nachrichtenstelle für den Orient“, entwickelte gemeinsam mit Enver Pascha, dem osmanischen Kriegsminister, einen Plan, nach dem Sultan Mehmed Reshad V. am 11. November 1914 in Istanbul den Dschihad gegen Frankreich, England und Russland ausrufen sollte. Die Veröffentlichung der Propagandazeitschrift El Dschihad im Jahr 1915 war vermutlich das merkwürdigste Element dieser Operation. Sie erschien auf Russisch, Arabisch und Turko-Tatarisch und wurde an muslimische Kriegsgefangene in Wünsdorf verteilt. El Dschihad sollte die antiimperiale Stimmung in den von den Entente-Mächten kontrollierten Gebieten schüren, um diese Muslime auf die Seite der Mittelmächte zu ziehen und dazu zu bewegen, entweder zu ihnen überzulaufen oder in ihre Herkunftsregionen zurückzukehren, um sich dort gegen ihre kolonialen Herrscher aufzulehnen. In ihrer Arbeit reflektieren Slavs and Tatars die sprachlichen Dimensionen des Wortes „Dschihad“ (arabisch: kämpfen), das vor allem durch die umständliche Transliteration des Lautes ‹ʤ› auffällt. Wie auch bei „Dschingis Khan“ oder „Dschungelfieber“ markiert das „dsch“ ein Wort als eindeutig fremd. So wie die Idee eines Dschihads im Zuge der deutschen Kriegsagenda – letztlich durch die Instrumentalisierung des politischen Islam – entstehen konnte, stellt sich die Frage, wessen Kampf das eigentlich war und gegen wen er sich richtete.
Werke in der Ausstellung: Reverse Dschihad (Russian) (2015), Siebdruck auf poliertem Stahl, 244 × 122 × 0,1 cm; Reverse Dschihad (Tatar) (2015), Siebdruck auf poliertem Stahl, 244 × 122 × 0,1 cm; Reverse Dschihad (Urdu) (2015), Siebdruck auf poliertem Stahl, 244 × 122 × 0,1 cm; Reverse Dschihad (Arabic) (2015), Siebdruck auf poliertem Stahl, 244 × 122 × 0,1 cm. Alle Courtesy Slavs and Tatars und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin und München