Nadia Kaabi-Linkes Praxis bewegt sich an der Schnittstelle von Konzeptkunst und künstlerischer Forschung. Sie hinterfragt geopolitisches und historisches Gedenken aus der Perspektive individueller Erfahrungen und untersucht, wie die Spuren solcher Erlebnisse über Generationen und Kontinente hinweg nachwirken. Kaabi-Linkes neues Auftragswerk Into the Fading Lines (2026) ist ein bewegendes Beispiel dafür, wie langjährige Archivforschung unbekannte Aspekte der eigenen Abstammung ans Licht bringt. Kaabi-Linke ist als Tochter einer ukrainischen Mutter und eines tunesischen Vaters in Tunesien aufgewachsen. Sie entdeckte, dass es in ihrer Familiengeschichte nicht weniger als drei tunesische Tirailleurs gab, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Kaabi-Linke trug Reproduktionen von Archivfotografien aus verschiedenen Quellen zusammen, darunter Familienalben und öffentliche Archive in Frankreich und Tunesien. Die Bilder zeigen Tirailleurs im Kampf, auf dem Transportweg, in Kasernen und, was vielleicht am aufschlussreichsten ist, im Alltagsleben. Auf ausgewählte Fotografien wurde ein UV-Filter aufgetragen, anschließend wurden sie der tunesischen Sonne ausgesetzt. Der Effekt ist beeindruckend: Alle Spuren des Kolonialapparats – Uniformen, Flaggen, Waffen, Kriegsinfrastruktur – sind verdunkelt. Übrig bleiben die Bilder der Tirailleurs selbst – ans Licht geholt und als Individuen abgebildet. Mit den Worten der Künstlerin: „Was bleibt […], sind die entleerten Hüllen der Macht und die Spuren des Widerstands. Sie wachsen zusammen mit dem Licht, das die Schatten blendet.“ Ein weiteres neues Werk bearbeitet in ähnlicher Weise einen französischen Propagandafilm, indem es die materiellen Anzeichen des Alterns und der Abnutzung auf den Originalaufnahmen in den Vordergrund rückt. Es hebt Beschädigungen hervor und entfernt den visuellen Inhalt des kolonialen Narrativs. Auf diese Weise verweigert sich die Arbeit aktiv gegen die Reproduktion dieser ideologischen Zuschreibungen in der Gegenwart.

In Auftrag gegeben vom Haus der Kulturen der Welt (HKW), produziert von Nadia Kaabi-Linke und HKW, 2026

Werke in der Ausstellung: Into the Fading Lines (2026), Digitaldrucke mit Pigmenttinte auf archivfestem Hanfpapier, je 40 × 30 cm; Tunisian Veterans – Composition with Marks of 73 Years (2026), Hartwachs auf Holz, 100 × 137 cm. Beide Courtesy Atelier Nadia Kaabi-Linke