Hide & Seek, Taipei
Hide & Seek Audiovisual Art wurde 2017 von verschiedenen Kulturarbeiter*innen aus den Bereichen zeitgenössische Kunst, Museumswissenschaft, Geschichte, Literatur, Soziologie, Recht, Film und Design gegründet. Wir engagieren uns zivilgesellschaftlich für eine Reihe sozialer Themen; besonderes Augenmerk legen wir dabei auf öffentliche Bildung und kulturelle Teilhabe. Wir kooperieren mit Kunst- und Geschichtsmuseen, Bibliotheken, Schulen und lokalen Communitys, mit denen wir gemeinsam Bildungsprogramme entwickeln und umsetzen oder Lehrmaterialien und Lernhilfen gestalten. Wir bemühen uns darüber hinaus um Finanzierungen und Ressourcen für den Aufbau und die Stärkung gemeinnütziger Initiativen für Kultur und Bildung, die Menschen unterschiedlichster Altersstufen und Hintergründe dabei behilflich sind, sich mit öffentlichen Belangen auseinanderzusetzen und ihr Wissen miteinander zu teilen.
The Cheering Song of 1943 folgt den Spuren paralleler Realitäten von Tirailleurs, die sich im Kontext der japanischen Kolonialisierung in Taiwan wiederfinden. Unter der Kolonialisierung meldeten sich Indigene Taiwanes*innen freiwillig, um im Zweiten Weltkrieg für das kaiserliche Japan zu kämpfen. Das Projekt ist an der Schnittstelle von drei historischen Feldern angesiedelt: Kolonialismus, Krieg und Sport. Es untersucht, wie die Staatsgewalt kontinuierlich und systematisch Selbstbestimmung und individuelle Handlungsfähigkeit unterbindet und ausbeutet, wobei Namen als Symbol aufgezwungener Identitäten eingesetzt werden. Wir konzentrieren uns auf den Lebensweg von Suniuo/Suriyon, um anhand dieses Fallbeispiels aufzuzeigen, wie die Staatsgewalt mittels einer dreimaligen Namensänderung persönliche Identität steuert und dominiert.
Während der japanischen Besatzung wurde die Indigene Bevölkerung Taiwans marginalisiert und unterdrückt. Der in Taiwan geborene Suniuo wurde in Japans koloniales Projekt der Modernisierung und Militarisierung verwickelt: Er spielte im berühmten Noko High School Baseball Team (能高棒球隊), später erfolgte seine Versetzung in die Freiwilligenarmee Takasago (高砂義勇軍), mit der er im Zweiten Weltkrieg auf südostasiatischen Schlachtfeldern für Japan kämpfte. Der Ruhm auf dem Baseballfeld und das Blutvergießen auf dem Schlachtfeld bestimmten gemeinsam das widersprüchliche Schicksal der unter der Kolonialherrschaft „eingezogenen Korper“.[1]
Suniuo, ein junger Amise[2], dessen Name im Amisischen „mutig“ bedeutet, war einst der beste Fänger der Basketballmannschaft der Präfektur Taitung. Er wurde jedoch unter der Japanisierungspolitik gezwungen, seinen Namen in „Nakamura Teruo“ (中村輝夫) zu ändern und schießlich 1943 eingezogen, um in Indonesien zu kämpfen. Nach dem Krieg verschwand er für mehr als 30 Jahre im indonesischen Dschungel. Als man ihn schließlich entdeckte, sah er sich bei seiner Rückkehr in ein Nachkriegstaiwan – das nun den Namen Republik China trug – mit einer politischen Kontroverse konfrontiert. Letztendlich vollzog die Kuomintang-Regierung die „Wiederherstellung“ seines chinesischen Namen zu Li Guanghui (李光輝): Li ist der häufigste chinesische Familienname, während Guanghui den Glanz der neuen Regierung symbolisiert, wodurch er in das System der Han-Chinesen integriert wurde. Während der Ära der nationalistischen Kuomintang-Regierung wurde im Namen der „Modernisierung“ der Raum ethnischer Selbstbestimmung weiter beschnitten. Politisch aufgeladene chinesische Schriftzeichen, wie etwa 忠孝 („Loyalität und Respekt gegenüber den Eltern“) und 復興 („Wiederaufbau“) ersetzten Indigene Namen und wurden so zum „Ausweisdokument“, mit dem sie sich durch die mehrheitlich Han-chinesisch ausgerichtete Gesellschaft lavierten.
Selbst heute noch werden Indigene Athlet*innen, die Taiwan mit herausragenden Leistungen auf den internationalen Bühnen des Sports vertreten, mit ihren chinesischen Namen bezeichnet und erinnert. Das Publikum wird sich ihrer ethnischen Identität oftmals erst bewusst, wenn sie erfolgreich waren. Die Auslöschung und verzögerte Anerkennung Indigener taiwanesischer Namen stellt bis heute ein weitgehend ungelöstes strukturelles Problem dar. Mit der Nacherzählung von Suniuos Lebensgeschichte möchte dieses Projekt die Öffentlichkeit anregen, die politischen Motive hinter Namen und Identität zu reflektieren und zu fragen, welche Bedeutung im Akt der Wiederherstellung liegt.
Ausgehend von der Erkenntnis, dass Bildung im Wesentlichen eine Erweiterung der Staatsgewalt ist, haben wir uns für das Lernkit als Interventionsmethode entschieden. Dieses Lernkit stellt diese Form der Staatsgewalt in Frage und zielt darauf ab, Informationslücken zu schließen, einseitige Wissensvermittlung abzulehnen, den Betrachter*innen die Interpretationshoheit zurückzugeben und die Teilnehmenden dazu anzuregen, ihre eigene „Verständnismethode“ zu entwickeln. Die Gegenstände im Kit werden in „Hinweisfragmente“ verwandelt, was ihre greifbaren, gut wahrnehmbaren und anpassungsfähigen Eigenschaften betont.
Das Lernkit umfasst eine Kiste für die Lehrperson mit Unterrichtsmaterialien und Hintergrundinformationen und drei bis vier Kisten für Teilnehmende mit Objekten, die Suniuos Lebensweg reflektieren. In der ersten Phase ordnen die Teilnehmenden Objekte nach drei verschiedenen Namen, leiten Gründe für die Veränderungen in der Identität ihres Besitzers ab und diskutieren die zentrale Frage: „Warum gab es drei verschiedene Namen für ein Individuum?“ In der zweiten Phase erfahren die Teilnehmenden mehr über die historischen Materialien in der Kiste und sollen sich anschließend ein Baseballspiel vorstellen, das Suniuo 1943 aufgrund seiner Einberufung zum Militärdienst verpasst hat. Sie werden gebeten, einen Fangesang[3] zu komponieren, um Suniuo in dem fiktiven Spiel von 1943 anzufeuern. Die Teilnehmenden wählen eine Melodie aus einem vorgegebenen Aufgabenpaket aus, schreiben den Text und versiegeln schließlich ihre Aufnahmedateien in der Kiste.
Hide & Seek
[1] Auch wenn sie als Freiwilligentruppe bekannt waren, wurden die Takasago-Soldaten aus verschiedenen Gründen rekrutiert, darunter militärische Mobilisierung und finanzieller und politischer Zwang. Gegen Ende des Krieges wurden viele von ihnen eingezogen, um die in Bedrängnis geratenenen Frontstellungen 2 zu unterstützen.
[2] Die Amis*innen sind eine in Taiwan beheimatete Indigene austronesische ethnische Gruppierung und eine von sechzehn offiziell anerkannten taiwanesischen Indigenen Bevölkerungsgruppen.
[3] Fangesänge für einzelne Baseballspieler*innen zu erfinden, ist heutzutage in Asien sehr populär. Sie sind beispielsweise bei japanischen oder taiwanesischen Baseballspielen zu hören.