Dior Thiam

Dior Thiam, Ausschnitt aus Tata (2026). Courtesy Dior Thiam
Dior Thiam nutzt Techniken wie Malerei, Installation und Fotografie, um bisher unerzählten Geschichten Ausdruck zu verleihen und koloniale Narrative bzw. Archive zu problematisieren. Gestützt auf Recherchen und persönliche Erfahrungen hinterfragt die Künstlerin – selbst Tochter eines senegalesischen Vaters und einer deutschen Mutter – eurozentrische Perspektiven. Durch den Einsatz ästhetischer Methoden wie Fragmentierung, Überlagerung und Verflechtung reinterpretiert Thiam archivarische und historische Referenzen und schafft einen Raum für emanzipatorische Kräfte. Dass französische kolonisierte Soldat*innen effektiv aus der Geschichte getilgt wurden, ist Thema ihres neuen Werks Tata (2026), in dem sie auch die Erfahrungen ihres eigenen Großvaters, eines senegalesischen Tirailleurs, einbezieht. Um der Forderung nach Anerkennung ihrer entscheidenden Rolle bei der Befreiung Europas von der Nazi-Besatzung Nachdruck zu verleihen, entwirft sie ein Denkmal, das sich gegen das whitewashing wendet, mit deren Hilfe die Tirailleurs aus offiziellen Darstellungen, Militärparaden, fotografischen Abbildungen und Erzählungen ausgeschlossen wurden. Den Ausgangspunkt bildet die Geschichte des 1924 errichteten und 1940 von den Nazis demontierten Tirailleur-Denkmals in Reims. Sie installiert eine Reproduktion des Sockels – allerdings ohne Figuren darauf. Damit wird die Idee der Leere neu gedeutet und ein fluides Gegendenkmal entsteht. Historische Fotografien, übertragen auf Leinwand, würdigen die Tirailleurs als Protagonist*innen ihrer eigenen Geschichte und Perspektiven. Ein weiteres Element der transformativen Praxis von Thiam – die Leinwand zu zerschneiden, zu waschen, zu vernähen, zu färben und zu verflechten – erlaubt es ihr, in das kollektive Gedächtnis zu intervenieren und die Einseitigkeit traditioneller Denkmäler, ihrer Propaganda und Instrumentalisierung zu überwinden. Ausgehend von den vielschichtigen Bedeutungen des Wortes „tata“ in Wolof – das sich auf eine befestigte Anlage, eine Erdmauer, eine Begräbnisstätte oder einen heiligen Ort bezieht –, versteht die Künstlerin ein Denkmal nicht allein als physische Struktur, sondern als abgegrenzten Ort, der Schutz, Gemeinschaft und Erinnerung ermöglicht.
In Auftrag gegeben vom Haus der Kulturen der Welt (HKW), produziert von Dior Thiam und HKW, 2026
Werk in der Ausstellung: Tata (2026), Acryl, Holzkohle, Klebstoff und Wachsfarbe auf Leinwand, Baumwollfaden, Holz, Ton. 3 Leinwände, 360 × 140 × 140 cm. Courtesy Dior Thiam