Die Beteiligung der Cinémathèque de Tanger am Projekt Tirailleurs entspringt einer einfachen Absicht: anders zu schauen. Anders auf die Archive zu schauen, anders auf die Bilder, anders auf die Geschichte und vor allem anders auf die Menschen, die darin vorkommen, um deren Erzählungen neu zu betrachten, neue Interpretationen zu eröffnen und den Blickwinkel zu verschieben. Es geht nicht darum, einen historischen Diskurs zu produzieren oder eine akademische Haltung einzunehmen. Anstatt die Geschichte der marokkanischen Tirailleurs als einheitlichen Block zu betrachten, möchte die Cinémathèque de Tanger die Soldaten als vielfältig und einzigartig darstellen, geprägt von individuellen und persönlichen Geschichten, die sich niemals auf eine einzige offizielle Erzählung reduzieren lassen.

Die Archive, die wir einsehen konnten, seien es Bilder oder Filme, stammen aus einem kolonialen Apparat, der filmte, um zu dokumentieren, Macht zu propagieren oder einen politischen und militärischen Diskurs zu untermauern. Wir präsentieren sie hier nicht als zu validierende Beweise, sondern als Materialien, die anders gelesen, hinterfragt und vor allem in ihrem zeitlichen Kontext betrachtet werden müssen. Wir laden das Publikum ein, dieses Material nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu untersuchen, was es aussagt und was es verbirgt, sich die Szenen vor und nach der Aufnahme vorzustellen und das, was dem Bild selbst entgeht.

Der Dokumentarfilm J’ai tant aimé (Ich habe so sehr geliebt) von Dalila Ennadre aus dem Jahr 2008, der im Walk-in Cinema der Ausstellung gezeigt wird, erzählt die Geschichte von Fadma, die während des Indochina-Krieges von der französischen Armee als Sexarbeiterin angeworben wurde, um marokkanische Soldaten zu begleiten. Während sie ihre Gedanken über Liebe und Wiedergutmachung teilt, zeigt der Film, wie das Kino zu einem seltenen Raum werden kann, in dem das Geschichtenerzählen von der Macht der Filmemacherin auf die Menschlichkeit des Subjekts übergeht.

Unser Ansatz zielt darauf ab, uns von wiederkehrenden Narrativen zu lösen und einen Raum zu schaffen, der sich mit der Komplexität und Vielfalt der Einsätze dieser Soldat*innen auseinandersetzt, die von unterschiedlichen und oft miteinander verflochtenen Realitäten geprägt waren, die alles andere als linear oder simpel waren. Einige der marokkanischen Tirailleurs traten aufgrund von Armut in die Armee ein, andere sahen ein Versprechen auf Abenteuer, einige folgten Entscheidungen ihrer Familie oder ihrer Gemeinschaft, während andere mitgerissen wurden, ohne die Tragweite der Situation vollständig zu verstehen. Es gibt viele andere, deren Beweggründe in keinem Register verzeichnet sind. Wir möchten die Geschichte dieser Soldaten auch anhand der Erzählungen ihrer Familien – Ehepartnerinnen, Kinder und Enkelkinder – erzählen, um anhand ihrer Berichte zu verstehen, wie die Kriege, die ihre Vorfahr*innen erlebt haben, ihr Leben beeinflusst haben könnten. Ein Beispiel dafür ist das hier gezeigte Interview mit Fiach Mustapha, dem Sohn des ehemaligen Tirailleurs Fiach Omar.

Wir halten uns hier an ein einfaches, aber wesentliches Prinzip: zu akzeptieren, dass es so viele Geschichten gibt, wie es Individuen gibt, dass Ambivalenz keine Schwäche der Erzählung ist, sondern ihre Voraussetzung, und dass das Schweigen der Archive keine Lücke ist, die mit Gewissheiten gefüllt werden muss, sondern ein Raum, der der Fantasie, Nuancen und Hypothesen offensteht. Diese Ausstellung erhebt daher nicht den Anspruch, zu rehabilitieren oder zu einem Schluss zu kommen, sondern vielmehr zu entfalten, zu erforschen und anzuregen.

Unsere Aufgabe ist es nicht, zu behaupten, was diese Soldat*innen dachten, sondern daran zu erinnern, dass jede*r von ihnen größer war als das Bild, das von ihnen geblieben ist. Wir arbeiten an der Schnittstelle zwischen Archiven und Fantasie, Erinnerung und Projektion, Dokument und möglicher Erzählung, um nicht eine einzige Wahrheit zu vermitteln, sondern die Möglichkeit vielfältiger Wahrheiten.

Cinémathèque de Tanger