Die künstlerische Praxis von Anguezomo Nzé Mba Bikoro kreist um Fragen von Wiedergutmachung und Heilung kolonialer Traumata. Mittels bildender Kunst und ortsspezifischer Performances setzt sich Mba Bikoro mit der systematisch aus amtlichen Archiven gelöschten Geschichte von BIPoC auseinander. Bei der Rekonstruktion der Geschichten Schwarzer – insbesondere von Frauen angeführten – Widerstandsbewegungen greift Mba Bikoro auf Indigene somatische Praktiken und dekolonialisierende Rituale zurück, um aus der Erinnerung an die Vorfahr*innen und vergessenen Geschichten Wege zu individueller Selbstermächtigung und kollektiver Enttraumatisierung zu eröffnen. In Madame Tirailleurs (2018) sagt Mba Bikoro: „Wenn man sie nicht zählt, existieren sie nicht. Sie sind kein Teil der Geschichte.“ Die Erzählungen über die Tirailleurs sind weitgehend von einer Mischung aus paternalistischer Bewunderung und rassistischen Narrativen geprägt, was ihre Individualität verschleiert. Weniger bekannt sind die Geschichten der asiatischen und afrikanischen Frauen, die zentrale Figuren des Widerstands waren. Sie kämpften für die Befreiung ihrer gefangenen Männer und Söhne und wurden oft selbstgefangen genommen. Der Film Madame Tirailleurs stellt eine entschlossene Antwort auf diese Abwesenheit dar. Gedreht wurde er in der ehemaligen Hauptstadt der Kolonie Senegal, Saint-Louis, die im Jahr 1857 zum ersten Rekrutierungsort der Tirailleurs wurde. Mba Bikoro begleitet eine Gruppe von Nachkomm*innen weiblicher und männlicher Tirailleurs, die auf ihrem Weg durch die Stadt mündliche Überlieferungen und Fotografien der afrikanischen Kämpfer*innen des Zweiten Weltkriegs teilen. Die Gruppe wird von einer Ziegenherde begleitet – eine Anspielung auf die Bäuer*innen, die zu den Familien der Tirailleurs zählten und deren Arbeitskraft und Wissen um die regionale Agrikultur unter der Kolonialherrschaft ausgebeutet wurden. Als die Gruppe das berüchtigte Gefängnis von Saint-Louis erreicht – den Schauplatz brutaler Unterdrückung von widerständigen Bestrebungen – beginnen die Ziegen in Reaktion auf den Chor der Frauen zu meckern. Stimmen, die jahrelang unterdrückt und unter blutgetränkter Erde begraben waren, tauchen auf und verlangen Gehör.
 

Werk in der Ausstellung: Madame Tirailleurs (2018), 1-Kanal-Video, Ton, Farbe, 3' 18". Französisch mit engl. und dt. UT. Courtesy Anguezomo Nzé Mba Bikoro