Im Jahr 2000 wurde in Marseille der Verein Ancrages mit einer wichtigen Mission gegründet: die Wertschätzung der Kulturen und Erinnerungen des Exils, die diese pulsierende Mittelmeerstadt geprägt haben. Unser Projekt entspringt dem Wunsch, die historischen Verbindungen zwischen Frankreich und seinen Migrant*innengemeinschaften, insbesondere denen mit postkolonialen Wurzeln, sichtbar zu machen und besser zu verstehen. Heute hat fast die Hälfte der Bevölkerung von Marseille ihre Wurzeln im Ausland, doch ihre Beiträge – ebenso wie die der kolonisierten Soldaten oder Tirailleurs – zur Befreiung Frankreichs (und insbesondere Marseilles) werden nach wie vor weitgehend übersehen.

Unser Glaubenssatz bei Ancrages lautet: C’est par le récit que nous existons et que nous nous désignons au monde (Durch das Erzählen von Geschichten existieren wir und machen uns der Welt bekannt), eine Überzeugung, die sich auch in Frantz Fanons bekanntem Gedanken widerspiegelt: „Chaque génération doit dans une relative opacité découvrir sa mission, la remplir ou la trahir“ („Jede Generation muß in einer relativen Finsternis ihre Mission entdecken und sie entweder erfüllen oder verraten.“). Fanons eigener Weg – von der Teilnahme an der Landung in der Provence über die Unterstützung der Dissident*innen der Freien Französischen Streitkräfte bis hin zu seinen Erfahrungen mit Rassismus innerhalb des französischen Militärs – reflektiert die komplexen Realitäten, die wir in unserer Arbeit untersuchen. Diese Erzählungen erinnern uns daran, dass die Ideale der Aufklärung, für die Frankreich berühmt ist, in der Praxis oft kompromittiert wurden.

Ancrages hat seinen Sitz in Marseille und orientiert sich in seinem Programm an der Geschichte und der aktuellen Situation der Stadt. Als strategischer Seeverkehrsknotenpunkt war Marseille während des Ersten und Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Ziel- und Transithafen für Tirailleurs. Aufgrund des wachsenden Bedarfs an Unterkünften für Soldaten während der Kriege wurden in der ganzen Stadt verschiedene Kasernen errichtet. Die Militärkaserne Caserne du Muy, die während des Zweiten Französischen Kaiserreichs (1852–1870) erbaut wurde, war Teil dieser Infrastruktur. Diese Kaserne diente weiterhin als Transitzentrum für französische Soldaten aus den Kolonien, insbesondere aus dem Senegal und Laos.

Unser Ansatz zur Erinnerung an die Tirailleurs zielt nicht nur darauf ab, ihre Ehre wiederherzustellen, sondern dies auch aus einer kritischen, dekolonialen Perspektive zu tun. Wir untersuchen die Umstände ihrer Rekrutierung, ihre komplexen Rollen innerhalb des französischen Militärs und die oft harten Realitäten ihrer Demobilisierung. Diese Arbeit basiert auf persönlichen und kollektiven Geschichten: Mein Großvater war beispielsweise einer von vielen marokkanischen Bauern, die nicht für den Frontkampf, sondern zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingezogen wurden, was in starkem Kontrast zu den heroischen Erzählungen über die Landungen in der Normandie oder in der Provence steht. Als 2006 marokkanische Veteranen auf der Suche nach sozialer Unterstützung nach Frankreich strömten, wurden viele von ihnen in Gemeinschaftsunterkünften in der Nähe von Marseille untergebracht – eine schmerzliche Erinnerung an ihren marginalisierten Status trotz der erbrachten Opfer.

Während die nationalen Gedenkfeiern die Landung in der Normandie feiern, bleiben die Geschichten der Kolonialtruppen im Schatten, verdeckt von Erzählungen, die den angloamerikanischen Einsatz und die französischen Widerstandskämpfer*innen in den Vordergrund stellen. Diese selektive Erinnerung unterdrückt bewusst die Forderungen nach Gleichberechtigung und Anerkennung, die von diesen „Waffenbrüdern“ in den kolonisierten Gebieten erhoben wurden. Die Folgen dieses historiografischen Blackouts waren brutal und gipfelten in tragischen Ereignissen wie dem Massaker von Thiaroye im Senegal und den Aufständen in Algerien.

Um dieser Ausblendung entgegenzuwirken, nutzt Ancrages verschiedene Methoden der Wissensvermittlung – Bildungsworkshops, Gesprächsrunden und Wanderausstellungen –, die die Lücken der offiziellen Geschichtsschreibung aufzeigen und zu kritischem Engagement anregen. In Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen wie Mars Imperium bieten wir kritische Stadtrundgänge durch Marseille an, um den Horizont der Erinnerung zu erweitern. Wir verbinden das Erbe der Tirailleurs mit den anhaltenden Kämpfen gegen Rassismus und für die Rechte von Migrant*innen und verorten diese Geschichten in einem breiteren sozialen Aktivismus. Dabei bleiben akademische Forschung, Archivarbeit und die Sammlung mündlicher Zeugnisse unverzichtbare Instrumente, um die historische Amnesie zu beheben. Dieses Kontinuum hilft Nachkomm*innen, insbesondere mit Migrations- und binationaler Geschichte, ihre Staatsbürgerschaft und ihren rechtmäßigen Platz in der französischen Gesellschaft einzufordern.

Durch diese kritische Neuinterpretation bietet Ancrages eine reichere, ehrlichere Geschichte der Befreiung Frankreichs und Europas – eine Geschichte, die Raum für ein inklusives, pluralistisches kollektives Gedächtnis schafft. Unsere Bemühungen tragen zu symbolischen, aber bedeutenden Veränderungen bei. So benannte Marseille beispielsweise 2022 die Bugeaud-Schule, die ursprünglich nach einer mit der Kolonisierung Algeriens verbundenen Militärpersönlichkeit benannt war, nach Ahmed Litim, einem algerischen Tirailleur, der während der Befreiung Marseilles ums Leben kam. Obwohl wir nicht offiziell zur Teilnahme an dieser Entscheidung eingeladen wurden, sorgt unsere Rolle bei der Sensibilisierung für diese Themen durch unser Programm dafür, dass öffentliche Räume zunehmend die vielfältigen, oft vernachlässigten Geschichten widerspiegeln, die unser gemeinsames Erbe ausmachen.

– Samia Chabani, Direktorin von Ancrages