Routes & Roots: Das gemeinsame Erbe von Gnawa und transatlantischer Yoruba-Kultur
Mit Félix Ayoh’Omidire, Mohcine Ramdan, Margherita D’Amelio und Alaa Zouiten
Paneldiskussion, Sonische Pressekonferenz
Sa., 27.6.2026
17:00–18:30
Eintritt frei
Das Panel am Eröffnungswochenende des Festivals nimmt die historischen und kulturellen Routen in den Blick, auf denen die Gnawa-Tradition mit den transatlantischen Yoruba-Kulturen – Candomblé, Lucúmí/Santería und Vodou – verwandt ist. Aus dem heutigen Südwesten Nigerias sowie Teilen Benins und Togos stammend, entwickelte die Yoruba-Zivilisation ein vielschichtiges spirituelles System um die Verehrung der Oriṣa, die Ifá-Divination und eine reiche musikalisch-rituelle Praxis. Der Yoruba-Wissenschaftler Félix Ayoh’Omidire stellt seine These vor, daß die Yoruba-Spiritualität als eine gemeinsame Quelle zu verstehen ist, deren Verzweigungen sich über zwei verschiedene Wege des Handels mit versklavten Menschen ausbreiteten: über die transatlantische Handelsroute nach Brasilien, Kuba und Haiti (Candomblé, Santería, Vodou), und über die transsaharische Handelsroute, über die versklavte Menschen nach Marokko verbracht wurden (Gnawa). Eine Perspektive, die das gesamte Festival konzeptionell trägt.
Mohcine Ramdan, Linguist an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Musiker und Bandleader von Jisr, schließt daran mit einem Überblick über Gnawa heute an: von ihren subsaharischen Ursprüngen und den Karawanenwegen, die sie nach Marokko brachten, über die Kodifizierung der Lila und die zentrale Rolle des Maalem bis zu ihrer gegenwärtigen Realität zwischen Ritual, Festivalisierung, popkulturellem Crossover und diasporischer Weitergabe in Europa.
Margherita D’Amelio, Pizzica- und Tarantella-Therapeutin und -Tänzerin aus dem Salento, folgt den Echos des Gnawa nach Norden über das Mittelmeer. Die apulische Tarantella und die heilende Pizzica gehören zu einem weiteren mediterranen Geflecht von Trance- und Heilritualen, in denen Rhythmus, Wiederholung und körperliche Entladung nach erstaunlich ähnlichen Prinzipien wirken wie in der Lila – ein nördliches Echo derselben sonischen und rituellen Logik.
Alaa Zouiten, Oud-Spieler und Kurator des Festivals, ergänzt in seinem Input aus eigener Praxis, wie tief der Flamenco – lange als ur-andalusische Kunstform gehört – mit nordafrikanischen und insbesondere mit Gnawa-Einflüssen durchwoben ist. Aus der Perspektive eines marokkanischen Musikers, der seit Jahren an der Schnittstelle von Flamenco und Gnawa arbeitet, erscheint Andalusien nicht alsGrenze, sondern als Kontinuum – das nördliche Ufer eines einzigen musikalischen Meeres.
Jede der vier Stimmen wird von einem Meister-Praktiker ihrer jeweiligen Tradition begleitet, die mit kurzen Live-Demonstrationen die theoretischen Einsichten klanglich grundieren – und so das gesamte Festival eröffnen, das diesen Verflechtungen über vier Wochenenden nachgeht.