Lila. Nacht. Der Kern dessen, woraus die Gnawa hervorgegangen ist – nicht eine Bühnenform, nicht ein Konzert, sondern ein Ritual, das von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang dauert und in dem Musik, Trance und Heilung zu einer einzigen Bewegung werden. Dass das Festival mit einer authentischen Lila schließt, ist die einzig mögliche Geste: alles Vorausgehende – die Konzerte, die Filme, die Panels, die Begegnungen mit Yoruba, Candomblé, Tarantella, Flamenco, Desert Blues – mündet in jene Form zurück, aus der die Gnawa selbst lebt, wenn sie zu Hause ist. Sechs Stunden lang, zwischen Mitternachtsdunkel und Morgengrauen, leitet Maalem Mustapha Sam aus Marrakech mit seiner Truppe das Ritual durch seine streng kodierte Abfolge: das Guembri öffnet den „Weg“, die qraqeb klirren inunermüdlichem Puls, die Anrufungen der Mluk folgen in den ihnen zugewiesenen sieben Farben, Düften und Rhythmen, bis sich im ersten Licht des Tages der Kreis schließt. Mustapha Sam, in der Marrakecher Gnawa-Welt schlicht „Sam Sghir“ genannt – der jüngere Sam –, gehört zu jener Generation von Maalems, deren Autorität nicht aus Plattenverträgen oder Festivalbiografien stammt, sondern aus der Übertragung von Hand zu Hand, von Saite zu Saite, von Lila zu Lila. Dass über ihn im Netz wenig zu finden ist, macht einen Teil seiner Bedeutung aus. Geleitet wird das Ritual gemeinsam mit Mqaddma Souad aus Marrakech, der Chefin der Zeremonie – jener weiblichen Instanz, die dengeistigen Verlauf der Nacht hütet, die Düfte, Farben, Stoffe und Reihenfolgen bestimmt und die Verbindung zu den Mluk hält. Nicht zufällig findet die Lila im SAVVY Contemporary im Wedding statt: ein Ort, der sich seit Jahren anderenWissensformen und afrodiasporischen Perspektiven widmet, in einem Kiez, der von Migration geprägt ist. So endet das Festival nicht mit einer Abschlussveranstaltung, sondern geht in seine ursprüngliche Form über – als sechsstündige Lila, die das Programm nicht abschließt, sondern begründet.