Freitagnachmittag vor dem Haus der Kulturen der Welt, der erste Trommelschlag: damit beginnt das Sonic Pluriverse Festival – nicht im Saal, sondern in Bewegung. Durch den Tiergarten zieht die Eröffnungsparade und kehrt am Ende wieder zum HKW zurück, kein zeremonieller Umzug, sondern ein erstes hörbares Manifest dessen, was an den folgenden vier Wochenenden zu erkunden sein wird: dass die Gnawa keine in sich geschlossene Tradition ist, sondern eine Achse, an der eine ganze Geografie schwingt. Geleitet wird die Parade von Maalem Hicham Bilali & Black Koyo aus Brüssel, einer der profiliertesten Gnawa-Formationen Europas – ihre Guembris, ihre Tbel und ihre Call-and-Response-Gesänge geben dem Zug seinen Puls, seine Linie, seine spirituelle Mitte. Um sie herum versammeln sich die Stimmen, die im weiteren Verlauf des Festivals eigene Abende tragen werden, hier aber zum ersten Mal nebeneinander hörbar werden: aus Afro-Kuba Régis Molina & BataSax mit dem Saxofonklang Havannas und dem Trommeln der Batá-Tradition; aus Brasilien Inã Mejí mit Aduni Guedes, dessen Afoxé die öffentlich tanzbare Stimme des Candomblé ist, die Recife und Bahia seit Generationen auf die Straße tragen; aus der Berliner Gnawa-Szene das Ensemble Gnawa Berlin, das die Linie der Tradition in der Stadt selbst hütet; und aus dem Flamenco Laura la Risa y compañía, die im Tanz und im Compás die andalusisch-maurische Erinnerung lebendig halten. Was sich hier in Bewegung setzt, ist deshalb nicht weniger als eine Landkarte, die zu Fuß durchschritten wird: jede Gruppe steht für eine Linie, an der die Gnawa über den Atlantik, das Mittelmeer und die Sahara verzweigt. Wenn die Parade wieder das HKW erreicht, geben Maalem Hicham Bilali & Black Koyo am Eingang ein Willkommenskonzert. In dessen Schlussteil verbinden sich alle teilnehmenden Stimmen zu einer gemeinsamen „Confluence of Cultures“ – einer kurzen, dichten musikalischen Begegnung, in der die einzelnen Sprachen für wenige Minuten zu einer einzigen werden, bevor sie sich an den folgenden Wochenenden wieder in ihre eigenen Konzerte zerstreuen. Eintritt frei. Mitlaufen ausdrücklich erwünscht.