Plural Citizenships
Zugehörigkeit im Werden
heimatenVorträge, Lesungen, Gespräche, Performances, DJ-Sets
April–Dezember 2026
Alle Termine
Visual: Yukiko
Plural Citizenships
Die eindimensionale Vorstellung von Identität ist eine Illusion, denn in uns allen gibt es eine Vielzahl von Stimmen.[1]
– Elif Shafak
Exil und Staatsangehörigkeit stellen heute keine klaren Gegensätze dar. Die mit der Staatsangehörigkeit lange einhergehenden Versprechen – Schutz, Teilhabe, Zugehörigkeit – sind nicht mehr vorbehaltlos gültig. Rechte, deren Geltung allgemein und dauerhaft zu sein schien, werden ungewiss. Der Zugang zu Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Mobilität und das Recht auf Sicherheit erweisen sich zunehmend als provisorisch, widerrufbar und ungleich verteilt. Was bedeutet Staatsangehörigkeit angesichts dieser Entwicklungen?
Viele Menschen leben in der Schwebe zwischen konkurrierenden Systemen der Anerkennung, in einer von Worten wie „ob“, „wann“ und „bis“ geprägten Realität. In diesem Schwebezustand manifestieren sich in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen unterschiedliche Formen von Staatsangehörigkeit, ohne dass sie je konkret benannt würden. Eine andere Beschreibung für diesen Zustand: „Bürger*innen keines Landes“. Trotz der politischen Konnotationen, die mit der Bezeichnung einhergehen, bedeutet, Bürger*in keines Landes zu sein nicht, keinerlei Zugehörigkeit zu haben. Vielmehr ist damit die Erkenntnis verbunden, dass Zugehörigkeit eine aktive Handlung ist, dass sie eher eine Praxis beschreibt als einen Status, eher eine Form der Teilhabe als ein Privileg.
Betrachtet man diesen Schwebezustand aus der Perspektive des Begriffs heimaten, dann kommt ihm eine weitere Bedeutungsebene zu. Heimaten heißt nicht bloß, ein Zuhause zu besitzen, sondern es steht für die langwierigen und sorgfältigen Bemühungen, die erforderlich sind, um ein Zuhause überhaupt erst zu erschaffen. In diesem Sinne ist heimaten verbunden mit dem, was Hannah Arendt als „Tätigkeit der Arbeit“ bezeichnet: jene Arbeitskraft, die das Leben erhält, ohne etwas Greifbares oder Bleibendes zu hinterlassen. In Vita Activa oder Vom tätigen Leben schreibt sie: „Die Tätigkeit der Arbeit entspricht dem biologischen Prozess des menschlichen Körpers [...] Die Grundbedingung, unter der die Tätigkeit des Arbeitens steht, ist das Leben selbst“.[2]
Für Arendt ist Arbeit an Notwendigkeit gebunden. Doch gerade jene Tätigkeiten, die nötig sind, um eine Gesellschaft am Laufen zu halten, bekommen oft keinerlei politische Anerkennung. Arbeit, die Infrastruktur und Menschenleben ermöglicht, wird oft von Menschen verrichtet, deren eigenes Leben von struktureller Unsicherheit geprägt ist – von befristeten Visa, auslaufenden Verträgen, provisorischen Unterkünften. Der Widerspruch ist gewaltig: Sie erhalten eine Welt aufrecht, während ihr eigenes Recht, in ihr zu verbleiben, nie ganz gesichert ist. Arendt weist darauf hin, dass „das Unglück des Rechtlosen [darin liegt], daß der von [Rechlosigkeit] Befallene zu keiner irgendwie gearteten Gemeinschaft gehört“.[3] Das erinnert daran, dass Exil nicht allein das Überschreiten nationaler und geografischer Grenzen beschreibt, sondern auch die Tatsache, von bestimmten Formen der Anerkennung ausgeschlossen zu sein.
Hier setzt Plural Citizenships an. Das Programm aus Lesungen, Vorträgen, Gesprächen und Performances begreift Staatsangehörigkeit nicht allein als Frage von amtlichen Dokumenten oder verfassungsmäßigen Rechten, sondern als demokratische Praxis, die sich im beständigen Kümmern um die alltäglichen Welt vollzieht. Die Idee von plural citizenship lässt sich nicht auf Mehrstaatigkeit im Sinne mehrerer Identitäten und kultureller Zugehörigkeiten reduzieren. Vielmehr geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit den ungleichen Bedingungen, unter denen lebensnotwendige Arbeit verrichtet und wertgeschätzt wird.
In einer Reihe von Begegnungen bringt Plural Citizenships Schreibende und Dichtende, Übersetzer*innen und Theoretiker*innen zusammen, um die Grenzen von Zugehörigkeit auszuloten und über neue Formen des Zusammenlebens nachzudenken, die auf Teilhabe und gegenseitiger Anerkennung beruhen. Das Programm fokussiert weniger auf abschließende Antworten, sondern auf das Öffnen von Räumen, in denen aus Fragen Ideen entstehen. Wie kann ein Zuhause zu Metapher und Erinnerung werden? Wie ist Gewalt in Sprache eingeschrieben? Wie transzendieren familiäre Zusammenhänge Grenzen? Wie bestimmen Klasse und Körper die soziale Verortung von Menschen? Wie kann Arbeit zu einer Form der Zugehörigkeit werden? Und wie lässt sich Heimat als etwas verstehen, das wie ein Möglichkeitsraum ständig im Werden begriffen ist?
[1] Elif Shafak, ‘The Revolutionary Power of Diverse Thought’, DailyGood, 28. Februar 2022, www.dailygood.org/story/1852/the-revolutionary-power-of-diverse-thought-elif-shafak
[2] Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben [1960], München: Piper Verlag, 2020, S. 23.
[3] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft [1955], München: Piper, 1986, S. 612.