Lynn Hershman Leeson ist für ihre Videokunst, Performances und Entwicklung von Avataren bekannt, mit denen sie Fragen von Gender, Überwachung und Darstellungen des Weiblichen untersucht. Auf der 36. Bienal de São Paulo präsentiert sie ihr Lebenswerk The Electronic Diaries, in dem sie seit 1984 ihr eigenes Leben vor dem Hintergrund technologischen Wandels schonungslos offenlegt und fortwährend die Einflüsse gesellschaftlicher Neuerungen und vermeintlicher menschlicher Fortschritte auf unser Zusammenleben hinterfragt. Die zwischen 1984 und 2019 entstandenen Kapitel der Electronic Diaries werden hier um ihr jüngstes Werk About Time (2025) ergänzt. Über Jahrzehnte hinweg zeichnete Hershman intime Bekenntnisse in einer Art Selbstarchivierung auf. Darin verhandelt sie Themen wie Trauma und persönliche Transformation. Die Kamera wird zu einem vertrauten Spiegel und schafft Raum für narrative Erprobungen, die aktuelle Debatten über Selbstbild und die Digitalisierung von Subjektivität vorwegnehmen. Die kontinuierliche Selbstaufnahme dokumentiert nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern verhandelt auch Debatten über die Performativität von Identität im Zeitalter sozialer Netzwerke, Hyperkonnektivität und digitaler Manipulation. Leesons elektronische Tagebücher sind Zeugnisse einer Epoche, in der ‚Reales‘ und Fabriziertes auf Bildschirmen und in Algorithmen zusammenfließen, in der Identität keine Konstante ist, sondern eine Art Datei, die kontinuierlich umgeschrieben wird. So schreibt sich ihr Werk in die Membran unseres Zeitalters ein, in dem Existieren zwei gegenläufige Dinge bezeichnet: zum einen die Aufforderung, sich ständig aufs Neue ins volatile Gedächtnis der Maschinen einzuschreiben, zum anderen die Aufgabe, Fluchtlinien aus einem immer stärker polizeilich kontrollierten und digital überwachten Labyrinth zu schlagen.

WERKE IN DER AUSSTELLUNG:

The Electronic Diaries of Lynn Hershman Leeson(1984–2025), Video, Farbe, Sound; Screen 1: Confessions of a Chameleon (1984), 8′46″, Binge (1987), 9′09″, First Person Plural (1988), 14′16″, Shadow’s Song (1990), 7′17"; Screen 2: Cyber Baby (2019), 15′40″,+22 (2019), 20′ 13″; Screen 3: About Time (2025), 5′17″. Courtesy of Bridget Donahue and Wouters Gallery. Im Auftrag der Fundação Bienal de São Paulo für die 36. Bienal