Kalligrafische Pinselstriche und diffuse Farbfelder bilden Landschaften, in denen jedes Element in einem Zustand andauernder Metamorphose zu sein scheint. Formen, die nur allmählich in Erscheinung treten, oszillieren zwischen Geografie, Vegetation und hybriden Mensch-Tier-Körpern. Leiko Ikemuras Serie Genesis erinnert sowohl an die ätherische Atmosphäre der japanischen Sansuiga-Malerei als auch an das dramatische Licht und die expressiven Verzerrungen, die El Grecos Gemälden ihre spirituelle Aura verleihen. Diese Konvergenz künstlerischer Traditionen spiegelt den Werdegang der Künstlerin wider. Ikemura wurde in der Präfektur Mie in Japan geboren und lebt seit den 1970er Jahren in Europa. In ihrem Werk vereinen sich Anklänge an die Malerei des spanischen Goldenen Zeitalters und den Neoexpressionismus der Bewegung der Jungen Wilden mit zentralen Prinzipien der japanischen Ästhetik, darunter der expressive Wert der Geste, die Achtung vor der Materialität und die Akzeptanz von Unvollkommenheit. Ikemuras Bildsprache untermauert eine einzigartige Kosmologie, die tief in japanischen kulturellen Bezügen verwurzelt ist und sich zugleich mit menschlichen Erfahrungen wie Verwandlung, Verletzlichkeit und Transzendenz auseinandersetzt. Ein Schlüssel zum Verständnis ihres Werks liegt im buddhistischen Konzept des Ukiyo (憂き世), das das Dasein als einen kontinuierlichen Fluss der Vergänglichkeit begreift. In diesem Universum befinden sich alle Wesen in einem Zustand des Übergangs. Das Kaninchen in Usagi sonando (2023) verweist auf die Tsuki-no-Usagi-Legende, in der ein Kaninchen in einem Akt des Mitgefühls sein eigenes Leben opfert und, verwandelt in einen Bewohner des Mondes, zum Symbol der Erneuerung wird. Davon inspiriert, wird in Rocket Girl (2024) die Adoleszenz als ein Schwebezustand dargestellt, in dem Körper und Identität ihre turbulentesten Wandlungen durchlaufen. In Ikemuras Werk nehmen Menschen, Tiere und Landschaften gleichermaßen am Kreislauf des Werdens teil, in dem die Vergänglichkeit stets die Möglichkeit der Wiedergeburt in sich birgt.

WERKE IN DER AUSSTELLUNG:

Bird Column 250 (2011/2024), patinierte Bronze, 250 × 5 × 5 cm; Genesis II (2014), Tempera auf Jute, 190 × 290 × 5 cm; Rocket Girl (2024), patinierte Bronze, 90 × 52 × 43 cm; Usagi sonando (2023), patinierte Bronze, 50 × 97 × 42 cm. Alle Courtesy Leiko Ikemura