Juliana dos Santos

Juliana dos Santos, Installationsansicht von Untitled (2026). Foto: Julia Thompson, Courtesy Studio Juliana dos Santos
Juliana dos Santos’ künstlerische Forschung hinterfragt eurozentrische Vorstellungen von Wahrnehmung und Repräsentation. In ihrer Auseinandersetzung mit der Farbe Blau erkundet sie sinnliche Erfahrungsräume. Blau wird in vielen Kulturen mit Erhabenheit, Schönheit und Unantastbarkeit assoziiert. Dos Santos gewinnt die Farbe für ihre Werke aus den Blüten der Clitoria ternatea. Seit Jahren arbeitet sie dafür mit Nilton Cesar und Edilene Costa de Jesus dos Santos, einer Familie aus São Félix im Recôncavo Baiano, zusammen. Der komplexe Verarbeitungsprozess schließt an afrikanische Traditionen des Färbens mit Indigo und anderen Textilien an. Zugleich schlägt er Verbindungen zum Blues, der musikalischen Manifestation Schwarzer Erfahrung in den USA. Wie das Immaterielle und Vergängliche dos Santos’ Arbeit zugrunde liegt, ist auch die Blue Note für den Blues zentral: ein dissonanter, als verstimmt geltender Ton, der aus der pentatonischen Skala ausschert, aber bewusst eingesetzt wird, um die Ausdrucks- und Gefühlsdichte der Musik zu steigern. Dos Santos experimentiert mit den Möglichkeiten einer aquatischen Ästhetik, indem sie Körnchen der gerösteten und gemahlenen Blüten auf Papier oder Leinwand bläst und sie von der feuchten Fläche aufnehmen lässt. Der so entstehenden blauen Topografie wohnt die Handschrift der Künstlerin inne, jedoch auch die Autonomie der pulverisierten Blüte und des Windhauchs, der sie auf der Leinwand verteilt. Die Blüte erlangt eine malerische Eigenständigkeit, die nicht allein den bildnerischen Absichten der Künstlerin dient. Dos Santos kooperierte mit ihrer Mutter Eliana de Oliveira, die seit Jahren komplexe textile Patchworkmuster entwickelt. In der Zusammensetzung verschiedener Stoffe folgt sie ihrem Interesse an angewandter Mathematik und entwickelt Rhythmen und Kompositionen einer euklidischen Logik, die mit den von dos Santos entworfenen botanischen Geometrien kontrastieren.
WERK IN DER AUSSTELLUNG:
10 sul do Sul aus der Serie sopro, aragem, viracao (2026), Wasserfarbe und Blaue Klitoria auf Baumwolle, 240 × 400 cm. Courtesy Studio Juliana dos Santos