Chaïbia Talal

Chaïbia Talal, Installationsansicht von Couple (1967), 36. Bienal de São Paulo, Detail. Foto: Natt Fejfar, Courtesy Fundação Bienal de São Paulo
Chaïbia Talal wurde im kleinen Dorf Chtouka in Marokko geboren. Mit fünfzehn Jahren war sie bereits verwitwet und beschreibt, wie Träume zu ihrer Rettung wurden: Im Alter von fünfundzwanzig Jahren erschienen ihr darin Unbekannte, die ihr Stifte und Blätter überreichten. So inspiriert begann sie zu malen und wurde zur ersten marokkanischen Künstlerin mit internationaler Sichtbarkeit. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Begegnung mit dem französischen Kurator Pierre Gaudibert im Jahr 1965. Als Autodidaktin entwickelte Talal eine eigenständige Bildsprache: expressiv, unmittelbar und geprägt von intensiver Farbigkeit. Ihre Arbeiten stehen dem Neoexpressionismus nahe und weisen Bezüge zu Asger Jorn sowie zur CoBrA-Bewegung auf. In Marokko wurde ihr Werk zunächst kritisch aufgenommen und im Kontext einer männlich dominierten Kunstszene als naiv oder folkloristisch eingeordnet. 1966, nach mehr als einem Jahrzehnt künstlerischer Praxis, löste ihre Teilnahme an einer Ausstellung im Goethe-Institut in Casablanca erstmals internationale Anerkennung aus. Im selben Jahr zeigte sie Arbeiten in der Galerie Solstice und im Salon des Surindépendants im Musée d’Art Moderne in Paris. Es folgten Ausstellungen in Dänemark, Deutschland, Spanien und den Niederlanden. Talals Bildwelten verbinden leuchtende Farbflächen und dynamische Figuren, die mitunter die Grenzen des Bildraums überschreiten. Frauen, Kinder und Paare sowie Weber*innen, Betende und Trauernde erscheinen in Szenen zwischen hektischen Ritualen und stiller Alltäglichkeit. Ganz im Sinne der Künstlerin, deren Kleidung und Körperbemalung ihre Verbundenheit mit dem Spirituellen symbolisierten, spricht ihre Kunst auch von volkstümlichen und esoterischen Zeichen und Glaubensvorstellungen.
WERK IN DER AUSSTELLUNG:
Couple (1967), Ol auf Leinwand, 55 × 73 cm, Courtesy Collection Fondation Alliances – MACAAL und Nachlass der Künstlerin