Amina Agueznays künstlerische Praxis ist tief verwurzelt in handwerklichem Wissen und den menschlichen Geschichten, die es prägen. Ihre Arbeit ist praxisorientiert und stellt den Wissensaustausch mit Handwerker*innen in ganz Marokko in den Vordergrund. Seit fast drei Jahrzehnten webt sie einen Dialog zwischen traditionellen Techniken und zeitgenössischen Formen und erforscht dabei die Dynamiken von Überlieferung und Wandel, die im Zentrum traditioneller Praktiken stehen. Im ständigen Experiment mit Materialien werden Wolle, Henna, Silber, Stein und Pflanzenfasern zu Trägern von Erinnerung, Ort und Transformation. Jede Installation, jedes Objekt verkörpert ein empfindliches Gleichgewicht zwischen der Ehrfurcht vor dem technischen Erbe und dessen Neuerfindung in einem zeitgenössischen Rahmen. Ihre Zusammenarbeit mit Handwerker*innen geht über die Kunstproduktion hinaus; in einer kollektiven Auseinandersetzung wird Know-how nicht nur gewürdigt, sondern auch hinterfragt und erweitert. Die modularen Installationen erforschen Zeitlichkeit und Flexibilität. Sie fügen, ordnen und erfinden sich neu, wie eine Landschaft ständig im Wandel begriffen. Agueznay spielt mit Maßstab und Größe, wechselt zwischen Monumentalität und Intimität, Struktur und Detail und schafft immersive Umgebungen, die die Betrachter*innen physisch und sinnlich in das Material und dessen erzählerisches Potenzial einbeziehen. Jenseits von Form und Material sind Agueznays Werke Meditationen über den Menschen als dynamische Kraft, fortwährend auf der Suche. In Begegnungen und Austausch dekonstruieren ihre Werke Asymmetrien und laden ein, Überlieferung nicht als statischen Akt, sondern als eine lebendige Verhandlung zwischen Wissen, Erfahrung und Sensibilität zu begreifen. Agueznay entwirft eine Zukunft, die auf unserer gemeinsamen Menschlichkeit gründet, die aus Tradition und Werden, Materie und Erinnerung, dem Individuum und der Gemeinschaft gewoben ist.

WERKE IN DER AUSSTELLUNG:

17 Talefdamt 1-3 (2024), Tinte auf Hahnemuhle-Papier, 53 × 73 cm, 73 × 53 cm, 53 × 73 cm. Courtesy Amina Agueznay. In Zusammenarbeit mit Mehdia und Malika Agueznay