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Bwa Kayiman: Crossing the Mangrove

Über Wälder als Schauplätze öko-politischen Wissens

Performances, Tanz, Rituale, Vorträge, Gespräche, Lyrik, Musik, Essen, Filme, Installationen

1. & 2. August 2026

Visual Bwa Kayiman: Crossing the Mangrove

Visual: Yukiko

Wie wahr! Die Probleme des Lebens gleichen den Bäumen. Wir sehen den Stamm, wir sehen die Äste und die Blätter. Doch wir können die Wurzeln nicht sehen, die sich tief unter dem Erdboden erstrecken. Und doch müssen wir ihre Form und Natur kennen und wissen, wie tief sie auf der Suche nach Wasser in den Humusboden eindringen. Dann vielleicht würden wir verstehen.

—Maryse Condé, Traversée de la mangrove (Unter den Mangroven, 1989)[1]

Bwa Kayiman: Crossing the Mangrove. Über Wälder als Schauplätze öko-politischen Wissens markiert das vierte Kapitel der kuratorischen Langzeituntersuchung des HKW zur unabgeschlossenen Aufgabe und dem Vermächtnis der Haitianischen Revolution. Bis heute sind die Nachwirkungen dieses wegweisenden Ereignisses zu spüren und finden ihren Nachhall in den gegenwärtigen Zuständen in der Karibik und anderen Breitengraden. Das jährlich stattfindende Festival für performative Künste Bwa Kayiman knüpft an dieses Erbe an. Es fragt, wie Freiheit gemeinsam gedacht und gelebt werden kann und wie Erinnerung den Weg in eine emanzipierte Zukunft weisen kann.

Wie der Untertitel bereits andeutet, widmet sich das diesjährige Programm den Geschichten von Widerstand in der Karibik, den Amerikas und darüber hinaus mit einem besonderen Augenmerk auf Wälder und insbesondere die Mangroven als Zufluchtsorte und Schutzräume für das Leben von Indigenen Gemeinschaften und Maroons[2]. Karibische Denker*innen wie Aimé Césaire[3], Patrick Chamoiseau[4] und Édouard Glissant[5] haben diese porösen Wälder als Orte beschrieben, die Verbundenheit, Opazität und Überleben lehren. Die Mangrove wurde lange Zeit als feindlicher Raum wahrgenommen. Glissant hat ihr jedoch wieder eine Bedeutung als Ort der Zuflucht, der Schöpfung und des kulturellen Widerstands zugeschrieben. Chamoiseau geht sogar noch einen Schritt weiter und definiert sie als Daseinsform, Verhaltensweise und Geisteshaltung: la mangrovité. Die Mangroven beherbergen eine Vielzahl komplexer Geschichtsschreibungen und möglicher Zukünfte, die von den vielen sie bevölkernden Arten geprägt und verkörpert werden. Wie auch die sich aus verschiedenen Einflüssen nährenden kreolische Kultur erstreck sich die Mangrove horizontal und sucht nicht nach einem einzigen, vertikalen Ursprung.

Die diesjährige Ausgabe des Festivals leiht sich ihren Titel von dem bahnbrechenden Roman Traversée de la mangrove (Unter den Mangroven, 1989) der Schriftstellerin Maryse Condé. Er nutzt das rhizomatische Ökosystem als zentrale Metapher, um über die Entstehung von Gemeinschaften jenseits gemeinsamer Merkmale nachzudenken. Während eine der Figuren ihre Gespräche mit ihrem ausländischen Liebhaber schildert, betont sie ihre tiefempfundene Verbundenheit mit der Natur. Die tiefreichenden, ineinander verflochtenen Wurzeln der Mangroven nutzt Condé als Chiffre für die Herausforderungen und Strategien, mit denen sich die heutigen karibischen Gesellschaften und Individuen bei der Bekräftigung ihrer pluralistischen Identität und der Bewahrung des Heimatgefühls konfrontiert sehen. Angesichts gesellschaftlicher Normen, die auf essenzialistischen Vorstellungen von ethnischer Zugehörigkeit, Gender, Sexualität und Klasse beruhten, und die von den Kolonialregimen zur Etablierung von Hierarchien und Spaltungen instrumentalisiert wurden, um so die fortdauernde Ausbeutung zu ermöglichen, kommt diesen Prozessen der Identitätsbildung eine besondere Bedeutung zu. In Anlehnung an Condés Überlegungen wirft das Festival eine Reihe von Fragen auf: Wie lassen sich Räume sowie politische und kulturelle Praktiken erhalten, in denen Pluralität kontinuierlich gepflegt wird? Wie lassen sich wechselseitige Beziehungen mit Land und Natur fördern? Und wie können die Ökosysteme gewürdigt werden, die eine so bedeutende Rolle bei der Bekämpfung kolonialer Gewalt gespielt haben?

Heute gehören Mangroven zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen der Erde. Die Rodung zum Zwecke der Landwirtschaft und der Erweiterung von Städten sowie die globale Erwärmung und der Anstieg der Meeresspiegel bedrohen ihre Existenz. Dieselben Kräfte, die einst das Plantagensystem geschaffen haben, untergraben nun das Leben an den Küsten und auf den Inseln. Sie setzen damit eine Logik kolonialer Gewalt fort, die die aktuelle ökologische Krise verstetigt. Bwa Kayiman: Crossing the Mangrove reagiert auf diese tragische Kontinuität. Mit künstlerischen Interventionen und einer kollektiven Präsenz bietet das Programm die Gelegenheit, andere Wege des Wahrnehmens, Erinnerns und Handelns zu erproben. In direkter Zusammenarbeit mit der haitianischen Diaspora in Deutschland und der weiteren Welt versucht das Festival nicht, die Vergangenheit des Landes darzustellen. Vielmehr setzt es sich mit der Realität seiner Gegenwart und seinem unvollendeten Anspruch auseinander: dass Freiheit von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist und der Kampf um das menschliche Leben untrennbar mit der Natur verbunden ist.

Das zweitägige Festival bietet Performances, Tanz, Filme, Rituale, Gespräche, Zusammenkünfte, Musik, Essen und partizipative Formate. Es entfaltet sich in Zyklen des Zusammenkommens, des Auseinandergehens und des Widerhalls. Es widersetzt sich der hegemonialen Kultur des Spektakels, indem es in den Pausen des Programms zum – politischen, spirituellen, emotionalen und sozialen – Lernen anregt: bei gemeinsamen Mahlzeiten, in der Stille nach dem Klang, im langsameren Rhythmus des Abends nach den Ereignissen des Tages. Die Einladung lautet, mit dem ganzen Körper dabei zu sein und das „Nichtwissen“ als eine Form des „Wissens“ zuzulassen, die Wiederverzauberung, Integration, Demut und Respekt für andere ermöglicht.

Wie schon bei früheren Ausgaben möchte Bwa Kayiman auch dieses Jahr unterdrückten und bis heute nach Emanzipation strebenden Gemeinschaften die Gelegenheit geben, ihre Stimme zu stärken, ihre Geschichten zu teilen und für ihre Souveränität zu kämpfen. Die diesjährige Ausgabe präsentiert einen Rahmen, der gemeinsam von Mitgliedern der okinawanischen Diaspora in Berlin kuratiert wurde. Darin wird Okinawas einzigartige kulturelle Identität hervorgehoben, die sich während des jahrhundertelang währenden Ryūkyū-Königreichs sowie in den aufeinanderfolgenden Phasen der Fremdherrschaft durch Japan und – im Laufe des 20. Jahrhunderts – der USA herausgebildet hat. Indem sie die Perspektiven Okinawas in den Vordergrund rücken, wollen die am Programm beteiligten Mitwirkenden, darunter auch Teilnehmende aus Brasilien, den Dialog, die Anerkennung und das gegenseitige Verständnis fördern und gleichzeitig ihre fortwährenden Bemühungen unterstreichen, ihr kulturelles Erbe zu bewahren und dessen Platz in breiteren globalen Diskursen zu artikulieren.

Im Dialog mit Denker*innen und Praktiker*innen aus der Karibik, den Amerikas, Afrika, Asien und Europa setzt sich Bwa Kayiman: Crossing the Mangrove mit den fortbestehenden Spuren imperialistischer Geschichte, ökologischen Krisen und der zunehmenden Vernachlässigung landgebundener Epistemologien auseinander. Diese Festivalausgabe bietet die Möglichkeit, das Konzept der Rechenschaftspflicht mittels Austausch und geteilter Verantwortung neu zu überdenken. Aus diesem Grund war der Aufbau von Kooperationen mit deutschen Hochschulen in diesem Jahr ein zentrales Anliegen. Lehrende und Studierende wurden dabei einbezogen, Bildungsansätze zu integrieren, die diese Ziele fördern. Von zentraler Wichtigkeit für diese Bemühungen – und für das Projekt Bwa Kayiman als Ganzes – ist ein Freiheitsbegriff, der auf der Wechselbeziehung zwischen Erinnerung, Land und dem sozialen Körper fusst, sowie die Pflege von Praktiken, die diese stützen.

 

[1] Maryse Condé, Crossing the Mangrove, übers. v. Richard Philcox, New York: Anchor Books Doubleday, 1995, S. 139. /// Maryse Condé, Traversée de la mangrove, Paris: Mercure de France, 1989, S. 180-181. 

[2] Als Akt der Wiederaneignung in Reaktion auf seine ursprünglich abwertende Bedeutung wird der Begriff „Maroon“ im Kontext antikolonialer und antirassistischer Arbeit weithin und mit Stolz verwendet. Er bezieht sich auf Afrikaner*innen (und ihre Nachkomm*innen), die der Versklavung entkamen und sich ihr widersetzten sowie freie, selbstorganisierte und versteckte Siedlungen gründeten oder sich diesen anschlossen. 

[3] Vgl. Aimé Césaire, „La condition-mangrove“, in: moi, laminaire …, Paris: Éditions du Seui, 1981, S. 31. 

[4] Vgl. Jean Bernabé, Patrick Chamoiseau und Raphaël Confiant, Éloge de la créolité, Paris: Gallimard, 1989. 

[5] Vgl. Édouard Glissant, Traité du Tout-Monde, Paris: Gallimard, 1997.