Vom Wesen des Nackten

von François Jullien


Wenn es ein Merkmal des intellektuellen, ästhetischen, aber auch des theoretischen Abenteuers im Okzident gibt, das heißt eines, welches diesen im Innersten charakterisiert (und somit erlaubt, überhaupt von Europa oder dem „Okzident“ zu sprechen), dann ist es das Nackte [...] Durch das Nackte hat der "Mensch" ein Wesen gefunden und wird unsterblich. Daher erklärt sich die Neigung der europäischen Kultur zum Nackten: Die europäische Kultur ist auf das Nackte fixiert wie die Philosophie auf die Wahrheit. In der Lehre der Kunst ist der Akt so zentral wie die Logik in der Philosophie [...]

Die Möglichkeit des Nackten beruht zunächst auf dem, was wir mit den Griechen die "Form" genannt haben: eine Form mit Modellfunktion, die oft mathematisch (geometrisch) gefasst ist und Idealwert hat, insofern sie eine wesensmäßige Einheit (das eidos) bildet. Diese Form hat das Nackte sanktioniert. "Es ist also auch in der Natur eine rationale Form (logos) der Schönheit, [nämlich] das Urbild der Schönheit im Leibe", erkennt selbst Plotin an, auch wenn er dann natürlich die rationale Form der Seele vorziehen wird. Anders gesagt: Es gibt einen "Archetypus" der Schönheit des menschlichen Körpers. Dieser Archetypus ist die eigentliche Form, die der Künstler zu erreichen sucht. Doch denken Sie sich nun eine "Form", die - wie in China - nur als vorübergehende Aktualisierung eines Entwicklungsprozesses, der jedem Lebenden eigen ist, wahrgenommen wird; denken Sie sich also einen Körper, der nur die vorübergehend sichtbare Konkretisierung, durch Individuation, einer unsichtbaren energetischen Masse wäre, die sich unaufhörlich ausbreitet, aktualisiert und wieder zusammenzieht - gleich dem Universum: Sofort verlöre das Nackte seine Konsistenz, und es gäbe kein Wesen mehr festzuhalten. Mein Körper kommt zur Welt, wächst, altert und zerfällt; er unterliegt stets der Transformation, durch die er zur Existenz gekommen ist, selbst wenn dieser fortlaufende Prozess nicht als solcher wahrnehmbar ist. Der Körper zeigt keinen dauerhaften, noch weniger einen endgültigen Zustand, der es erlaubte, das zu charakterisieren, was das Nackte festgehalten hat. Ich kann nur Phasen von ihm kennen. Wenn man nun aber die ganze Wirklichkeit als eine kontinuierliche Entwicklung begreift und folglich die Form - bzw. das, was wir ins Chinesische als eine solche (im Begriff des xing) übertragen - in der gleichen Weise betrachtet, also nicht als etwas Beständiges, sondern Vorübergehendes, so versteht man das Desinteresse der Chinesen an dieser außerordentlich beständigen Form, auf der das griechische Denken und Wissen beruht, und die danach strebt, das Nackte festzuhalten. Ohne Archetypen oder ewige Formen, ohne Modelle oder den Himmel der Wesenheiten könnte man nicht mehr wie Augustinus (unter dem Einfluss Plotins) sagen: "Dann wird mir Stand und Festigkeit sein in Dir, meiner Form, der Wahrheit, die Du bist." In forma mea - veritate tua: Die "Form" und die "Wahrheit", unser großes antikes Paar. Das Nackte entsteht aus der Zusammenkunft der beiden.

Denn im Hintergrund des Nackten konnten wir den Begriff des Seins und die Frage des An-Sich nicht verfehlen: Das Nackte ist an sich ein solches, res ipsa, unüberschreitbar, von einer auf die reine Identität reduzierten Realität. Das Nackte antwortet auf die Frage des ti esti: "Was ist es?" Dagegen weiß man, dass das klassische Chinesisch das Verb "sein" nicht kennt, sondern nur ein "Es gibt" und eine Kopula, und dass die Sprache insofern die Wirklichkeit nicht unter dem Aspekt des Seins, sondern des Prozesshaften (des tao) begreift. Wenn das Nackte in China nicht möglich ist, dann liegt das zunächst darin begründet, dass es in der Sprache keine ontologische Verankerung findet: So bleiben allein das Fleisch (die chinesische Erotik) oder die unsittliche Nacktheit. "Es fehlt" der Sockel des Seins, auf dem das Nackte seit den Griechen errichtet wurde.


François Jullien, geboren 1951, Philosoph und Sinologe, ist Professor an der Universität Paris VII sowie Direktor des Instituts für zeitgenössisches interkulturelles Denken.