Audio – 0:23:38

Reading with Krisztina Tóth & György Buda

Internationaler Literaturpreis 2015 | Long Night of the Shortlist and Award Ceremony 2015
Wed, Jul 8, 2015

Krisztina Tóth: Aquarium
Aus dem Ungarischen von György Buda | Akvárium
Nischen Verlag 2015 | Magvet? Kiadó, Budapest 2013

„Das Edulein brauchst du nicht anzusprechen, das Edulein kommt gut allein zurecht“, sagte Tante Edit über ihre eigene Schwester, von der sie wie von einem großen, zahmen Haustier sprach. Vera war überrascht, als sie sah, dass jenes Edulein eine Frau war; solange sie sie nicht gesehen hatte, hatte sie immer gedacht, das sei ein junger Mann, ein Brillenträger. Die Tante erwähnte sie nämlich oft, und immer nur als „das arme Edulein“. Das arme Edulein schläft schlecht, das arme Edulein hat sich auf dem Heimweg vom Fleischer wieder verirrt.

Als sie das erste Mal miteinander nach Hause gingen, hatte ihr die Tante ans Herz gelegt, alle Leute zu grüßen, und dann, als sie im ersten Stock ankamen und auf den Gang einbogen, seufzte sie: „Und da ist auch das Edulein.“

Vor der Wohnungstür hockte eine Frau unbestimmbaren Alters mit aufgedunsenem Bauch und Augengläsern, die Füße in ihren klobigen, hohen Schuhen hatte sie gegen das eiserne Geländer gestemmt. Sie blickte nicht auf unter ihren Haaren, die ihr das Gesicht verdeckten, sie begrüßte die Ankömmlinge nicht, sie rauchte mit geschlossenen Augen weiter. Neben ihrem Schemel stand auf dem Boden ein runder Aschenbecher mit verschließbarem Deckel. Später grummelte die Tante oft, dass Edu diesen Aschenbecher nie ausleerte, doch jetzt stieg sie nur darüber und führte das Kind in die Küche.

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