Nicht alle Reisenden folgen Wegen – Humanität als Praxis. Ein Konzept in drei Fragmenten
Bonaventure Soh Bejeng Ndikung
Vorbemerkung: Diese Biennale handelt nicht von Identitäten und ihren Politiken, nicht von Vielfalt oder Inklusion, nicht von Migration oder von Demokratie und ihrem Scheitern … Sie handelt von Menschheit, Menschsein und Menschlichkeit als Verb und Praxis, von Begegnung(en) und den Verhandlungen im Aufeinandertreffen verschiedener Welten. Es geht um den Abbau von Ungleichheiten als Voraussetzung für das Praktizieren von Menschlichkeit, um Freude und Schönheit sowie ihre Poesie als Schwerkraft, die unsere Welten in ihren Bahnen halt … Denn Freude und Schönheit sind politisch. Es geht darum, sich eine Welt vorzustellen, in der wir unsere Menschlichkeit betonen.
Fragment I – „Über Ruhe und Stille“
Wenn ich
In das Wort beiße,
bitte
drängt mich nicht zur Eile,
ich will es kauen
zwischen meinen Zähnen
die Haut, die Knochen, das Mark
des Verbs zerreißen,
um so den Kern der Dinge
zu besingen.
Wenn sich mein Blick
im Nichts verliert,
bitte
weckt mich nicht auf,
ich will im Innersten der Iris
den kleinsten Schatten
der geringsten Bewegung
bewahren.
Wenn meine Füße
nicht mehr Schritt halten,
bitte
drängt mich nicht weiter.
Laufen wozu?
Lasst mich hier,
reglos,
in scheinbarer Untätigkeit.
Nicht alle Reisenden
folgen Wegen.
Es gibt verborgene Welten,
in die nur die Stille
der Poesie vordringt.
Conceição Evaristo, „Über Ruhe und Stille“[1]
Das Konzept der 36. Biennale von São Paulo ist ein Vorschlag, die Welt aus der Warte Brasiliens – von seinen Geschichten, Landschaften, Philosophien, Mythologien und Komplexitäten her – zu denken, sie von dort aus zu hören, zu sehen, zu fühlen, wahrzunehmen. Denn Brasilien als Fiktion ist eine Verschmelzung vieler Welten und ihrer Berührungspunkte. Dies vorab gesagt, soll der Schwerpunkt aufs Zuhören gelegt werden, aufs Zuhören als Fundament, um Menschlichkeit zu praktizieren. Wie Jacques Attali in seinem bahnbrechenden Essay Noise. The Political Economy of Music schrieb, „hat das westliche Wissen seit 25 Jahrhunderten versucht, auf die Welt zu blicken. Es ist ihm nicht gelungen, zu verstehen, dass die Welt nicht dazu da ist, betrachtet zu werden. Sie ist dazu da, gehört zu werden. Sie ist nicht lesbar, sie ist hörbar“.[2] Wir scheinen eine Welt geerbt zu haben, die von Menschen geschaffen wurde, die sie zu sehen und zu lesen versucht haben. Man könnte sagen, dass wir, um Menschlichkeit als Verb zu konjugieren, lernen müssen, der Welt zuzuhören: Wir müssen den Böden zuhören, den Pflanzen und Tieren zuhören, den Menschen zuhören, den Stimmen der Wellen zuhören, die die Ufer streicheln, dem Murren der Gewässer, den Winden, die den Sand und die Umrisse der Erde formen, dem Murmeln der Steine und Hügel und Berge, der Fülle an Dingen zuhören, die unsere Mündungen ausmachen. Es lässt sich mit Gewissheit sagen, dass es unmöglich ist, zugleich zuzuhören und zu entmenschlichen oder zu entrechten, Land zu rauben oder die Umwelt zu zerstören.
In diesem Vorschlag wird der physische und philosophische Raum der Mündung zur Metapher für Räume der Begegnungen und Verhandlungen, des Lebens und Überlebens, des Nährens und des Kampfes, der Verzweiflung und der Reparatur, der Restitution und der Bedürfnisse … Räume, in denen Praktiken der Menschlichkeit neue Bedeutung erlangen könnten.
Von der Santos- oder der Bertioga-Mündung in São Paulo bis zur Mündung des Capibaribe in Recife und jener der Patos-Lagune, die sich von Porto Alegre bis zum Rio Grande erstreckt, ist der Moment, wenn zwei Wasserwege sich begegnen, wenn ein Fluss aufs Meer trifft, ein Moment der Verhandlung physikalischer und chemischer Asymmetrien. Es entsteht ein außergewöhnliches Ökosystem, in dem Krebstiere, Fische, Wandervögel, Mangroven, Austern, Phytoplankton, Schnecken, Seegras, Meeresschildkröten, Zooplankton und sogar Menschen gedeihen. Die Besonderheit der Mündung ist ihr Wirkungszusammenhang. Jedes Wesen hat eine Rolle, eine Nische (die Nische der Austern etwa ist das Filtern, wobei jede Auster bis zu 190 Liter Wasser am Tag filtert) in der Versorgung jeder Art, im Ökosystem als Ganzem und in der blühenden Biodiversität, insbesondere dank des variierenden Salzgehalts, der entsteht, wenn Süßwasser auf Salzwasser trifft. Mündungen sind also für eine Bandbreite an Lebewesen ein wichtiges Habitat, eine Ressource, ein Raum der Reproduktion oder des Übergangs in unseren Ökosystemen. Ihr Bestehen ist entscheidend für unsere Umwelten. Mündungen dienen der Küste in Zeiten der Erosionen, Überflutungen oder Stürme als Puffer, ebenso wie sie zur Filterung von Frischwasser beitragen. Doch aufgrund massiver Urbanisierung, Ausbaggerung, Überfischung, Verschmutzung, Öl- und Gasbohrungen und so weiter, im planetarischen Ausmaß, verlieren die Ökosysteme der Mündungen ihr Gleichgewicht, ebenso wie die Menschheit ihren Zugriff auf sich selbst und die Welt verliert.[3]
Indem das Projekt die Pluralität der Wesen in ihrer Koexistenz und wechselseitigen Bedingtheit in diesem Lebensraum der Mündung als Metapher für menschliche Beziehungen mit sich selbst und anderen anführt, verweist es hinsichtlich der auf dem Spiel stehenden Handlungsfähigkeiten und Dringlichkeiten indirekt auf die 27. Biennale von São Paulo im Jahr 2006 namens How to Live Together, kuratiert von Lisette Lagnado, sowie auf die 2. Biennale 1953 (auch Guernica Bienal genannt).
Wenn Conceição Evaristo in „Über Ruhe und Stille“ schreibt, „Nicht alle Reisenden folgen Wegen. / Es gibt verborgene Welten, / in die nur die Stille / der Poesie vordringt“, kann man an Mündungen als Inbegriff jener „verborgene[n] Welten“ denken, „in die […] die Stille der Poesie der Natur vordringt“, und zugleich als Pfad der Koexistenz, der gewebt wird, wenn die verschiedenen Welten süßer und salziger Gewässer sich begegnen; als Pfade, denen die Menschheit folgen könnte. Brasilien ist aus der gewaltvollen Begegnung Indigener Menschen, europäischer Kolonisator*innen und versklavter Afrikaner*innen hervorgegangen. Jede Zivilisation entspringt einer Begegnung, egal wie gewaltvoll manche davon auch sein mag – und manche brauchen mehr Zeit als andere, um zu keimen. Das Keimen und richtige Anbauen erfordern die Geduld, Worte zum innersten Mark von Verben zu zerkauen und zu zerreißen; es braucht Durchhaltevermögen, um in die Weite zu blicken, sodass sich die kleinsten Bewegungen in der Entfernung klar auf dem „Innersten der Iris“ einprägen können, wie Evaristo andeutet.
Welchen Wegen folgen wir also, wenn wir Menschlichkeit als Verb praktizieren? Wie gestatten wir uns selbst das Privileg, vom Weg abzuweichen, die Straße zu verlassen, Irrungen zu begrüßen, uns zu verlaufen, andere Welten zu finden?
Fragment II – „Im wachen Bewusstsein für Andere“
Meine Freude ist das Wissen, dass du ich bist,
und dass ich zutiefst du bin.
Du weißt, dass deine Kälte meine Knochen ausdörrt,
und meine Wärme deine Adern belebt.
Meine Angst lässt deine Augen zittern,
dein Hunger lässt meine Lippen erblassen.
Ohne deine Kraft, ein loderndes Feuer zu sein,
wäre mein Bewusstsein einsamer
als tote Wüstenerde.
Mein Leben bietet wundersame Schlüssel
zur Wahrnehmung deines ureigenen Wesens.
Wie du über meine Freiheit wachst,
schenkst du den Regungen meiner Hoffnung
Himmel und Flügel.
Mein Wunsch glücklich zu sein, würde,
hörte er auch nur einen Augenblick auf,
den deinen gelten zu lassen, zerstäuben.
Rammst du ein Messer in meine Identität,
geht unser Gewissen,
deines wie meines, gemeinsam zur Schlachtbank.
René Depestre, „Im wachen Bewusstsein für andere“[4]
Der Künstler Leo Asemota fragte einst: Wen siehst du, wenn du in den Spiegel blickst? Dann antwortete er, dass selbstverständlich die Möglichkeit bestehe, nur sich selbst zu sehen, dass er selbst aber beim Blick in den Spiegel all die Menschen sieht, die vor ihm da waren und alle, für die er Sorge trage. Dieser Geist einer vertikalen und horizontalen Verbundenheit könnte ein weiteres entscheidendes Element in der Konjugation von Menschlichkeit sein.
In dieser Ära tiefer politischer und gesellschaftlicher Krisen, in denen wir uns derzeit in der Welt wiederfinden, wird die Frage, wen wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, noch wichtiger. Eine Vielheit im Spiegel zu sehen, bedeutet, deren Existenz, deren Anliegen und schließlich unsere Sorge um deren Wohlbefinden anzuerkennen.
Der Nationalstaat ist eines jener Konstrukte, die scheinbar nur sich selbst sehen, wenn sie in den Spiegel schauen. Deswegen verschanzen wir unsere Grenzen mit Mauern, kämpfen Kriege, schließen Migrant*innen aus, zerstören die Umwelt und so weiter. Könnten wir eigentlich in den Spiegel schauen und Menschlichkeit sehen? In all ihren Formen und Farben, mit all ihren Tugenden und Fehlern, all ihren Grautönen und all ihren Unvollkommenheiten? Während er da steht, wird der Spiegel, in dem wir uns zu bewegen scheinen, in Stücke geschlagen und anstelle eines Spiegelbildes, scheinen wir unendliche Brechungen zu sehen, die in die Vergessenheit führen. Doch auch ein zerbrochener Spiegel kann repariert werden. Um an dieser Instandsetzung teilzuhaben, muss man sich jedoch leiten lassen von René Depestres Maximen in „Im wachen Bewusstsein für Andere“ und ihnen zustimmen: „Meine Freude ist das Wissen, dass du ich bist, und dass ich zutiefst du bin“ oder „Mein Leben bietet wundersame Schlüssel / zur Wahrnehmung deines Wesens“.[5]
Menschlichkeit ist eine Praxis.
Menschlichkeit ist ein Verb.
Es kann konjugiert werden.
Fragment III – „Die unbezähmbare Schönheit der Welt“
Aus den Abgründen
Es ist ein Raunen seit Jahrhunderten. Es ist der Gesang
der Weiten des Ozeans.
Klingende Muscheln scharren an Schädeln, an Knochen,
an grünbezogenen Eisenkugeln, am Grund des Atlantiks.
In diesem Abgrund liegen Friedhöfe von Sklavenschiffen,
mit vielen ihrer Matrosen. Die Beutegier, die verletzten
Grenzen, die gehißten und gefallenen Flaggen, von der
westlichen Welt. […]
Aber diese verschleppten Afrikaner haben die
Trennwände der Erde eingerissen. Sie haben mit ihrem
spritzenden Blut die Räume Amerikas eröffnet. […]
Was von diesen ehemals Verschleppten übrig ist, das
Sediment des Schlunds, sind die alten Welten, die
aneinander zerrieben wurden, bis sie in der Realität
eine neue Region der Welt entstehen ließen. Eine Welt
hatte Afrika niedergewalzt. Afrikaner schwängerten die
ferngelegenen Welten. Dies zeigt uns die All-Welt auf,
macht sie uns verständlich, die in allen angelegt und für
alle gültig ist, als eine vielfaltige Totalität, die aus dem
Raunen des Schlunds hervorgeht.
Edouard Glissant und Patrick Chamoiseau, Brief an Barack Obama. Die unbezähmbare Schönheit der Welt[6]
Die Mündung von Recife ist ein Ort der Begegnungen. Hier treffen nicht nur Süß- und Salzwasser aufeinander, sondern es handelt sich auch um den ersten Hafen in den Amerikas, wo versklavte Menschen, die aus Afrika verschleppt wurden, der sogenannten Neuen Welt begegneten. Seit seiner Gründung 1537 unter portugiesischer Besatzung, ist Recife ein bemerkenswerter Ort, wo das, was trotz niederträchtigster Gewalttaten aus diesem Abgrund, diesem Riss, hervorgegangen ist, eine eigensinnige, unbezähmbare Schönheit entwickeln konnte. Es handelt sich um einen Ort, wo das Rumoren über und aus jenem Abgrund noch immer in alles verschlingenden Wellen widerhallt und sich als jene Vorstellung von der „All-Welt“ äußern.
Jene „unbezähmbare Schönheit der Welt“ brachte in Brasilien manche der wichtigsten künstlerischen und kulturellen Bewegungen des 20. Jahrhunderts hervor:
Aus der Anthropophagie-Bewegung der 1920er Jahre entstand eine brasilianische Avantgarde, die sowohl zum „Manifesto Antropófago“ führte als auch zu einer Ästhetik und Politik, die Oswald de Andrade als „kannibalistischen Transnationalismus“ bezeichnete. Diese Philosophie rief zu Verzehr, Einnahme und Verdauung anderer Kulturen auf – als Möglichkeit, Brasilien gegen europäische koloniale wie postkoloniale kulturelle Dominanz zu behaupten, wie es die von Paulo Herkenhoff und Adriano Pedrosa kuratierte 24. Biennale von São Paulo so prächtig herausstellte.
1944 wurde das Teatro Experimental do Negro (Schwarzes experimentelles Theater) von Abdias do Nascimento gegründet, um das Fehlen Schwarzer Präsenz und Würde in den nationalen darstellenden Künsten anzugehen. Dies setzte eine Bewegung afrobrasilianischer Dramatik in Gang, die auch politisch mitmischte.
Sie brachte antirassistische Kämpfe in die verfassungsgebende Versammlung 1946 ein und beeinflusste „den Antrag der Afonso-Arinos-Verordnung, die erste Gesetzgebung, die Rassismus bekämpfen sollte“.[7]
1965 kam die von Glauber Rocha filmisch ausformulierte Bewegung Eztetyka da Fome (Ästhetik des Hungers) des Cinema Novo auf, die das Kino als wichtiges Werkzeug des revolutionären Kampfes verstand. Die Tropicalismo-Bewegung von Caetano Veloso, Gilberto Gil, Gal Costa, Tom Zé und Torquato Neto trat in den 1960er Jahren mit ihrem (musikalischen) Manifest Tropicália ou Panis et Circencis fur ein „Reflexionsfeld über Sozialgeschichte“ durch Musik, Film und andere Künste ein, die afrikanische und brasilianische Kulturen miteinander verbanden. Sie fanden damit auf dem Höhepunkt der brasilianischen zivilmilitärischen Diktatur eine politische Stimme. Auch die Manguebit-Bewegung der 1990er Jahre in Recife stand für eine musikalische Revolte gegen den sozialpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Stillstand. Sie leistete Widerstand gegen die neoliberale Agenda, die sich eines Großteils Lateinamerikas bemächtigt hatte und in ihrem kulturellen Erinnern wiederum all die vorgenannten Eigenschaften begrüßte. Die Manguebit-Bewegung pidginisierte Klanglandschaften und Genres wie Makossa, kongolesischen Rumba, Reggae, Coco, Forró, Maracatu, Frevo ebenso wie Rock, Hiphop, elektronische Musik und Funk und strebte so nach einem Ausweg aus der sozioökonomischen Sackgasse.
Die Manguebit-Bewegung und ihr Manifest „Caranguejos com cérebro“ (Krebse mit Gehirn), 1992 vom Sanger Fred Zero Quatro und DJ Renato L verfasst, wurden 1994 von zwei legendären Bands und zwei Alben ins Leben gerufen, deren Titel etwas über ihre Absichten verraten: Samba Esquema Noise (Samba Schema Noise) von Mundo Livre S/A und Da lama ao caos (Von Matsch zu Chaos) von Chico Science & Nação Zumbi. Das ist der Kernpunkt von Fragment III. In „Manguebit“, dem ersten Lied auf Samba Esquema Noise, singt Mundo Livre S/A vom Transistor, von Recife als Schaltkreis und dem Land als Elektronik-Chip; sie singen vom Manguebit als einem Virus, der Augen, Ohren, Sprachen, Klangwellen ansteckt; dieser Virus wird auf Ultrahochfrequenz mithilfe von Nadelantennen verbreitet, die in den Mangroven der Mündungen eingesetzt werden. Sie singen vom Land als Radio und über die Zerstörung von Land und Nebenflüssen. Das Lied wurde zur Hymne für die merkwürdigen Zeiten damals wie jetzt.
Chico Science & Nação Zumbis erstes Lied auf Da lama ao caos namens „Monólogo ao pé do ouvido (vinheta) / Banditismo por uma questão de classe“ (ins Ohr geflüsterter Monolog [Vignette] / Banditentum aus Klassengründen) ist eine stürmische Doppelhymne der Widersetzung. In „Monólogo ao pé do ouvido“ singen sie von ihrer Bewegung als einer musikalischen Evolution, die die Vergangenheit modernisieren soll. Sie singen davon, wie Angst das Böse aufkommen lässt und wie Dämonen die unerschütterliche Kraft der Menschlichkeit zerstören: „Viva Zapata! / Viva Sandino! / Viva Zumbi! / Antônio Conselheiro / Alle Black Panthers / Lampião“. In „Banditismo por uma questão de classe“ erzählen sie eine Geschichte von Bandit*innen, vom Gerede über Lösungen und Fortschritt, und wie die Ermordung unschuldiger Leute durch Ordnungskräfte zu diesen Zielen eingesetzt werden kann. Sie singen vom Banditentum als Überlebensstrategie, als Notwendigkeit, als Folge von Klassenkämpfen.
Dass diese Bands in ihren Namen auf eine freie Welt und auf Zumbis Nation Bezug nehmen, ist kein Zufall. Dass sie aus Recife stammen auch nicht. Schließlich fand in Recife 1934 der erste afrobrasilianische Kongress statt, unter anderem mit Aktivist*innen wie Solano Trindade – der übrigens auch zur Frente Negra Pernambucana und zum Teatro Experimental do Negro gehorte.[8] Und noch wichtiger erscheint, dass es die Bundesstaaten Pernambuco und Alagoas waren, wo der aus Kongo stammende große Francisco Zumbi (1655–1695), der als Zumbi dos Palmares in die Geschichte einging, sein Königreich ausrief, gegen die portugiesischen Kolonialisten kämpfte, Widerstand gegen die Versklavung von Afrikaner*innen leistete, seine Leute befreite und sie im freien Königreich der Maroons wiederansiedelte, den Quilombos. Abdias do Nascimento würde sie später als einige der demokratischsten Orte und Strukturen in der Region des heutigen Brasiliens beschreiben. Die Quilombos waren die Grundlage, auf der mehr als dreihundert Jahre später Bewegungen wie Manguebit entstehen konnten.
Fragment III ist eine Überlegung zur Manguebit-Bewegung und ihrem Manifest „Caranguejos com cérebro“, das als Exposé eines kollektiven sozialen Gehirns verstanden wird. In ihrem Aufsatz „Innovation in the Collective Brain“ von 2016 denken Michael Muthukrishna und Joseph Henrich über etwas nach, das viele nichtwestliche Kulturen seit unerdenklichen Zeiten kennen:
Unsere Gesellschaften und Sozialen Netzwerke agieren als kollektive Gehirne. In kollektiven Gehirnen verbundene Individuen, die selektiv Informationen übermitteln und aufnehmen, welche oft weit außerhalb ihrer bewussten Kenntnis liegen, können komplexe Gestaltungen hervorbringen, ohne dafür eine gestaltende Person zu brauchen – so wie es die natürliche Selektion in der genetischen Evolution tut. Die Prozesse der kumulativen kulturellen Evolution resultieren in Technologien und Techniken, die kein einzelnes Individuum im Laufe eines Lebens reproduzieren könnte, und die von ihren Nutznießenden nicht in ihrer Funktionsweise verstanden werden müssen. Solche kulturellen Adaptionen erscheinen in ihrer Ausgestaltung funktional gut an die Lösung lokaler Probleme angepasst zu sein, und doch fehlt eine gestaltende Person.[9]
Die Autoren führen die Ursprünge und Machenschaften kollektiver Gehirne aus, indem sie deren „Neuronen“ besprechen und herausstellen, wie individuelle Gehirne sich entlang des Kulturerwerbs entwickeln – als sogenannte kulturelle Gehirne (Gehirne, die sich primär zum Erwerb von Anpassungswissen entwickelt haben). Das bedeutet, dass sich „unsere kulturellen Gehirne im Tandem mit unseren kollektiven Gehirnen entwickelt haben“.[10] Muthukrishna und Henrich zeigen, wie „kulturelle Gehirne mit kollektiven Gehirnen verknüpft sind, die Erfindungen hervorbringen und Neuerungen verbreiten“, und untersuchen, wie „kollektive Gehirne rückkoppeln und jedes der kulturellen Gehirne, aus denen sie sich zusammensetzen, ‚klüger‘ machen können – oder zumindest kognitiv besser ausgestattet, um mit lokalen Herausforderungen umzugehen“.[11]
Die Fäden, aus denen der Stoff – das kulturelle Gehirn, das kollektive Gehirn von Recife, der „Caranguejos com cérebro“ – gewoben wurde, entstammen der Begegnung verschiedener Welten, deren Pfade sich beinahe fünfhundert Jahre zuvor zwangsweise kreuzten, sowie die verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen von der Familie über die Plantage bis zur Sambaschule. Wie Muthukrishna und Henrich zeigen:
Die grundlegendste Struktur des kollektiven Gehirns ist die Familie. Junge kulturell Lernende haben zuallererst Zugang zu ihren Eltern und möglicherweise einer ganzen Reihe von elterlichen Bezugspersonen (Tanten, Großväter etc.). Familien sind in größere Gruppen eingebettet, die viele Formen annehmen können, von egalitären Jagd- und Sammelgesellschaften bis zu Dörfern, Clans und „Big-Man“-Gesellschaften, von Chiefdoms über Staaten mit verschiedenen Graden an Demokratie, freien Märkten und Wohlfahrtssystemen bis hin zu großen [regionalen] Bündnissen.[12]
Neben den Menschen spielt auch die geografische und geologische Lage von Recife eine wichtige Rolle für die Manifestation jenes kulturellen und kollektiven Gehirns, das die Manguebit-Bewegung in die Welt gebracht hat. Recife liegt am Zusammenfluss von Beberibe und Capibaribe, dort, wo sie sich in ihrer Erhabenheit in jenen enormen Wasserkörper des Südatlantiks entleeren, aus dessen Innerem, aus dessen Gewölbe noch immer die Stimmen der ermordeten Verschleppten singen. Auch Topografie und Klima tragen zur Wissenserzeugung bei. Mit dem tropischen Wald, dem vielen Niederschlag, dem Monsun-Klima, den Mündungen und der hohen Luftfeuchtigkeit gilt Recife auch als ‚Tochter der Mangroven‘ samt des Parque dos Manguezais, von dem Manguebit den Namen entleiht. Doch diese natürliche, ökologische Fülle, die für manche ein Traum sein könnte, wurde für die Menschen von Recife zum Albtraum. Alice de Souza schreibt in ihrem Text „Life Reborn in the Mud“[13] über die Ilha de Deus (Insel Gottes), ein Insel-Stadtteil von Recife, die unter allgemeiner Vernachlässigung litt, bis sie in den 1970er und 1980er Jahren völlig heruntergekommen war – es gab kein fließendes Wasser, keinen Strom, keinerlei Aufmerksamkeit der Regierung. Angesichts dieser schlimmen soziopolitischen und wirtschaftlichen Zustände, wurde die Insel als Ilha sem Deus (Insel ohne Gott) bezeichnet. Als sei die Vernachlässigung nicht genug, sorgten 1983 zwei nahegelegene Fabriken für eine Umweltkatastrophe, als sie Abfälle aus der Seifenproduktion im Wasser verklappten und so Fische und Meerespflanzen vergifteten, die für die Subsistenz in der Region unabdingbar waren. Das führte zu Hunger und einer Massenflucht von der Insel auf der Suche nach grüneren Gefilden. Zugleich explodierte die Kriminalität auf der Insel, die zum Unterschlupf für Gangs wurde. Das war nicht auf die Ilha de Deus beschränkt. Denn Recifes skrupellose Baubranche, die Vergiftung der Umwelt durch Industrie, die Vermüllung der Flüsse und die Zerstörung des Lebens in den Mangroven, die von Plastik und anderen Abfällen überschwemmt wurden, erstickten die Stadt. Wenn die Flüsse und Mündungen Recifes die Venen und Arterien der Gegend waren, dann litt die Stadt an einer schlimmen Thrombose.
Vor diesem Hintergrund entstand in den 1990er Jahren die Manguebit-Bewegung als kulturelle Revolution, die im Grunde sagte: „Schluss damit!“. Sie wurde von mehreren Umweltschutzgruppen flankiert, die planten, Mangroven nachzupflanzen und knietief durch den Matsch watend die Mündungen von Plastik zu befreien.[14] Diese neue Bewegung wurde von einem neuen Sound begleitet: dem Manguebit.
Fragment III dieser Biennale ist eine Hommage an die Manguebit-Bewegung als Abkömmling all der großartigen Bewegungen, die je aus Brasilien kamen. Wie Melcion Mateu in seinem Essay „Nação Zumbi. Two Decades of ‚Crabs with Brains‘ (and Still Hungry)“ schreibt:
Der Begriff „manguebit“ ist selbst ein hybrides Kofferwort samt seiner Bezugnahmen auf die lokale Landschaft („mangue“ steht, wie gesagt, fur den Mangrovensumpf) und auf globale Technologie („bit“ oder Binärziffer, wie in der Informatik): eine Bewegung, die in ihrer Landschaft wurzelt, aber mit globaler Technologie verbunden ist […]. Eine in den Matsch gesteckte Parabolantenne wurde zum konzeptuellen Bild, um eine Bewegung zu beschreiben, die sich mit der lokalen Kultur und mit der Welt zu verbinden suchte.[15]
Manguebit ist also ein konzeptuelles Paradigma, das die Vorstellungen von Mütterlichkeit, Fruchtbarkeit, Diversität und Produktivität mit jener von Technologie, digitalen Medien oder Rechenprozessen zusammenbringt. Es fördert einen Synkretismus, der nicht nur die Distanz über den Atlantik überbrücken kann, sondern auch die zwischen jenen, die an Land überlebt haben und jenen, die noch immer in jenem Abgrund des Ozeans gefangen sind. Technologie dient in diesem Zusammenhang einem doppelten Zweck: zu verbinden, aber auch zu unterwandern. Manguebit sollte auch als Möglichkeit verstanden werden, Technologien, Wissenschaften und Kunst zu erschaffen, die nicht nur das Alltägliche widerspiegeln, sondern auch grundlegend die Subversion des Normativitätsterrors ermöglichen. Die Technologien und Wissenschaften, die konzipiert wurden, um die Massen zu benachteiligen, werden sich hier tatsächlich angeeignet und von ihrem ursprünglichen Zweck abgewendet, um gewissermaßen als ‚Waffen der Massensubversion‘ zu dienen.
Das Manguebit-Manifest „Caranguejos com cérebro“ bezieht sich direkt auf die Bevölkerung von Recife, die umgangssprachlich als Krebse bezeichnet wird, die in den Mangrovenwäldern leben. Krebse, wie andere Hummer und Garnelen, gelten aufgrund ihres ausgeprägten Erinnerungsvermögens als Meister der Navigation in ihnen bekannten und sogar unbekannten Gebieten. Ihnen wurde die kognitive Fähigkeit zum komplexen Lernen nachgewiesen, trotz ihrer rudimentären Gehirne. In ihrem Artikel „Clever Crustaceans“ schreibt Erica Westly, dass Krebse „sich an den Ort eines Möwenangriffs erinnern können und lernen, dieses Gebiet zu meiden. Bei Säugetieren fordert dieses Verhalten mehrere Hirnregionen an, doch eine im […] Journal of Neuroscience publizierte Studie legt nahe, dass der grabende Krebs C. granulatus das mit nur wenigen Neuronen hinbekommt.“[16] Die Versuche der Neurowissenschaftler*innen an der Universidad de Buenos Aires zum Testen der Gedächtnisfähigkeiten von Krebsen zeigten, dass sie Informationen für mehr als 24 Stunden behalten konnten – bei den meisten Tieren, einschließlich des Menschen, die klinische Grenze für ein Langzeitgedächtnis. Zudem zeigten die Krebse sogar die Fähigkeit, ihr erworbenes Wissen zu ihrem Wohlergehen und Überleben anzuwenden. Die Forschenden führten dieses Verhalten auf die Riesenneuronen in ihrer Lobula zurück, die womöglich Informationen über verschiedene Reize speichern können. Es ist bekannt, dass Krebse aus ihren Fehlern lernen; dass sie beidarmig geschickt sind; dass sie Mitgefühl empfinden, das sie dazu bringt, ihr Territorium zu beschützen; und dass Krebsmütter sehr fürsorglich sind und Schneckenhäuser um ihre Jungen herum platzieren, um deren Kalziumaufnahme zu erhöhen.
Dies ist eine Einladung an Künstler*innen, Denker*innen und Menschen verschiedenster Lebenswege, über das gesellschaftliche und kulturelle Gehirn des Kollektivs nachzudenken, das die Geschicklichkeit, Intelligenz und Klugheit der Krebse verkörpert: als Art, in der Welt zu sein, als Möglichkeit, bessere Menschen zu sein. Dies ist auch eine Einladung, über Orte wie Mündungen und Mangroven nachzudenken: Räume, die Solidarität beweisen – die Koexistenz einer Vielfalt an Wesen, Pflanzen, Tieren und Myzelien, die einander zuallermeist unterstützen und erhalten, wenn der Mensch sie denn in Ruhe lässt. Wenn also solche Kreaturen mit Gehirnen, die wir Menschen als ‚primitiv‘ bezeichnen, so ein gutes Erinnerungsvermögen und solches Mitgefühl haben, warum können dies nicht auch Menschen? Oder können sie es?
Die Beziehung zwischen Krebsen und Menschen, die für die Manguebit-Bewegung zentral ist, wurde bereits in Josué de Castros bahnbrechendem Roman Der Krebskreis (1970; brasilianische Erstveröffentlichung 1967) beschrieben. Damals war Josué de Castro berühmt für seine wegweisende ökologische Arbeit zur Geopolitik des Hungers (1973; brasilianische Erstveröffentlichung 1946). Als Arzt in Recife hatte De Castro Studien mit Arbeiter*innen durchgeführt und erklärt, dass ihre „grundlegende Krankheit“ der Hunger war, der sich klinisch als Blutarmut, Protein-Kalorien-Mangelernährung und weiteres zeigte. Er verknüpfte die sozioökonomischen Wirklichkeiten der Menschen in Recife mit deren biologischen Anzeichen von Hunger.
In seinem späteren Werk Der Krebskreis, das er im Pariser Exil schrieb, erzählt er fiktional von Armut im Kontext seiner Kindheit und beschreibt das tragische Leben des jungen João Paulo. Der Autor verwebt die Geschichte vom schlechten Gesundheitszustand der Menschen im Umfeld des Kindes mit der Geschichte von Vater Aristides, dessen Gier nach der Blauen Landkrabbe unersättlich ist. Aus seinem Exil und seiner Hoffnungslosigkeit heraus schenkte De Castro der Welt ein Buch, das die Wirklichkeit der ‚Verdammten dieser Erde‘ nachzeichnet. Es ist keine Überraschung, dass die Hauptfigur João Paulo während einer Flutkatastrophe verschwindet,
die buchstäblich die ganze Siedlung auslöscht. Doch wie De Castro schreibt, nehmen wir mit, dass „Menschen aus Krebsfleisch wie Krebse denken und fühlen; Amphibien, die zu Land und im Wasser beheimatet sind, halb Mensch, halb Tier; als Kleinkinder mit jener sumpfigen Milch der Krebsbrühe ernährt“.[17]
Diese Beziehungsgefüge von Wesen in den Sümpfen zwischen Land und Wasser, die Mundo Livre S/A sowie Chico Science & Nação Zumbi so spielerisch und kritisch hervorheben, diese Bezüge zwischen verschiedenen Genres, zwischen Gottheiten, Menschen und anderen Daseinsformen, die Oswald de Andrade hervorhebt, diese Relationalitäten wie De Castro sie nahelegt, diese Relationalitäten, die zwischen dem jahrhundertealten Rumoren und dem von heute vermitteln – und zwischen den Stimmen im Inneren und den Stimmen jener, die noch immer überleben … All diese Beziehungen sprechen ein umfassendes und unverwüstliches Gehirn an: das Mangrovengehirn. Das erste Mangrovenmanifest „Caranguejos com cérebro“ war als Trilogie gegliedert: „Mangue – Das Konzept“, „Manguetown – Die Stadt“, „Mangue – Die Szene“ … Stellen wir uns nun „Mangue – Die Ausstellung“ vor. Eine Ausstellung, die Darwins Konzept vom Überleben der am besten Angepassten ablehnt und stattdessen für Koexistenz, wechselseitige Abhängigkeit, Liebe und Freude als Grundlagen für die unbezähmbare Schönheit der Welt eintritt.
Aus dem Englischen von Jen Theodor
[1] Conceição Evaristo, „Da calma e do silêncio“, in: Poemas da recordação e outros movimentos. Rio de Janeiro: Malê, 2008, S. 122. Aus dem Portugiesischen von Charlotte Thiessen.
[2] Jacques Attali, Noise. The Political Economy of Music, übers. von Brian Massumi, Minneapolis: University of Minnesota Press, 1985.
[3] Emily Caffrey, „The Importance of Estuarine Ecosystems“, Ocean Blue Project, oceanblueproject.org/what-is-an-estuary/
[4] René Depestre, En état de poésie (Petite sirène), Paris: Les éditeurs français réunis,1980. Aus dem Französischen von Lilian Astrid Geese.
[5] Ebd.
[6] Édouard Glissant und Patrick Chamoiseau, Brief an Barack Obama. Die unbezähmbare Schönheit der Welt. Wenn die Mauern fallen, aus dem Französischen von Beate Thill, Heidelberg: Wunderhorn, 2011 (L’Intraitable beauté du monde. Adresse à Barack Obama, Paris 2009), S. 9–11.
[7] „O teatro dentro de mim“, Itaú Cultural (2016), ocupacao.icnetworks.org/ocupacao/abdias-nascimento/o-teatro-dentro-de-mim/
[8] Amurabi Oliveira, „Afro-Brazilian Studies in the 1930s. Intellectual Networks between Brazil and the USA“, Brasiliana – Journal for Brazilian Studies 8/1–2 (2019), S. 32–49.
[9] Michael Muthukrishna und Joseph Henrich, „Innovation in the Collective Brain“, Philosophical Transactions of the Royal Society B (19. März 2016), royalsocietypublishing. org/doi/10.1098/rstb.2015.0192
[10] Ebd., S. 2.
[11] Ebd., S. 10.
[12] Ebd., S. 10.
[13] Alice de Souza, „Life Reborn in the Mud“, Believe Earth (17. November 2017), believe.earth/en/life-reborn-in-the-mud/
[14] Ebd.
[15] Melcion Mateu, „Naçã o Zumbi. Two Decades of ‚Crabs with Brains‘ (and Still Hungry)“, Crítica Latinoamericana (5. Dezember 2012).
[16] Erica Westly, „Clever Crustaceans“, Scientific American Mind 22/5 (November 2011), S. 14.
[17] Josué de Castro, Der Krebkreis, übers. von Sigurd Schmidt, Ostberlin: Neues Leben, 1970.