Reimagining Life by Reimagining the Pulse
Shigehisa Kuriyama
Keynote-Vortrag
Su., 20.9.2026
19:00–20:00
Miriam Makeba Auditorium
Auf Englisch
Eintritt frei

Holzschnitt mit Darstellungen der Pulsdiagnosetechniken fuzhen und yangzhen, Zhang Shixian (Ming-Zeit, 1368–1644). Abbildung: Wellcome Collection/Public Domain
Seit etwa zweitausend Jahren stützt sich die traditionelle chinesische Medizin stark auf die Kunst der Pulsdiagnose. Während der Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.) beispielsweise nahmen klassische chinesische Ärzt*innen den Puls ganz anders wahr als heute. Das medizinische Standardwerk Su Wen etwa listet neun Pulsarten an verschiedenen Stellen des menschlichen Körpers auf und beschreibt damit eine Typologie des Pulsschlags. In diesem Keynote-Vortrag schlägt der Medizinhistoriker Shigehisa Kuriyama vor, solche alternativen Verständnisse des Pulses und die vergessenen Arten, ihn wahrzunehmen, wiederzuentdecken und dadurch neue Einblicke in die Kunst des Lebens zu gewinnen.
Sowohl im Osten als auch im Westen verortet die moderne Medizin den Puls in der Mechanik des schlagenden Herzens. Klassische chinesische Ärzt*innen verstehen ihn hingegen als eine Sprache von Ort und Zeit, als Korrespondenz zwischen dem Mikrokosmos des menschlichen Körpers und dem Makrokosmos von Himmel und Erde. In diesem Sinne erfordert jede Diagnose die Kunst der nach außen gerichteten Betrachtung: der Blick und die Aufmerksamkeit des Geistes wendet sich vom isolierten Körper ab und dem sich ständig wandelnden Kosmos zu, in den alles verkörperte Leben eingebettet ist. Diesem Verständnis nach beginnt die Pulsdiagnose der klassischen chinesischen Medizin mit – und hängt wesentlich ab von – einem Gespür dafür, wie sich der Puls während der verschiedenen Jahreszeiten anfühlt. Entspricht der Puls der untersuchten Person dem für diese Jahreszeit erwarteten Empfinden oder weicht er davon ab? Anders formuliert: Wie eng stimmen die Lebensströme im Inneren eines Menschen mit den kosmischen Strömungen überein, die die umgebende Welt rhythmisch prägen? Auf Grundlage jahrzehntelanger Forschungen zur Geschichte der griechischen und chinesischen Medizin lädt Kuriyama das Publikum ein, diesen „verlorenen“ Puls wiederzuentdecken – und mit ihm eine ältere, stärker verflochtene Art, den lebendigen Körper wahrzunehmen.