Di, 29. Januar 2013 — So, 03. Februar 2013

transmediale: Ausstellungen

Drei Ausstellungen über neue Interpretationen der Wirkung, Nutzung und Entwicklung zeitgenössischer Medien

The Miseducation of Anya Major untersucht Fragen zu Wissen, Lernprozessen und Bildung im Kontext zeitgenössischer Medien, vom Fotokopierer und Aktenvernichter über Computerspiele bis hin zum neuesten Smartphone. Was zählt in diesem Zusammenhang als nützliches Wissen? Und warum soll anderes Wissen unwichtig sein? Was lernen wir? Was sollten wir lernen? Was können wir lernen? Was wollen wir lernen? Innerhalb welcher Rahmenbedingungen findet Bildung statt? Könnte sie auch woanders stattfinden? Wer sind unsere Lehrer? Vertrauen wir ihnen? Gibt es ganz andere Arten von Lehrern? Ist es notwendig (und/oder möglich), ein radikal anderes „Schulsystem“ zu erfinden?


Die Ausstellungsreihe sucht nach Antworten auf diese Fragen und macht den berühmten TV-Spot für den ersten Macintosh-Computer zu ihrem Ausgangspunkt, der am 22. Januar 1984 im Rahmen der Show zum Super Bowl XVIII ausgestrahlt wurde. Regie führte Ridley Scott, bekannt für seine postmodernen Science-Fiction-Klassiker Alien (1979) und Blade Runner (1982). Scott zitiert George Orwells Roman 1984 (1949) und entwirft ein dunkles futuristisches Setting, in dem eine heldenhafte Athletin mit einem Vorschlaghammer in den Händen vorbei an einer Gruppe von Sicherheitsleuten durch einen düsteren Industriekomplex rennt. Nachdem sie durch lange Korridore gelaufen ist, kommt sie in eine große Halle, in der eine Gruppe von Menschen passiv vor einem Bildschirm sitzt und Big Brother lauscht. Kurz bevor die Sicherheitsleute sie erreichen, wirft sie den Vorschlaghammer auf den Bildschirm. Dieser zerspringt in einer Explosion aus Licht, und Qualm legt sich auf die Gesichter der schockierten Zuhörer wie eine belebende Kraft aus einer anderen Welt. Der Spot endet mit den Satz: „Am 24. Januar stellt Apple Computer Macintosh vor. Und Sie werden sehen, warum 1984 nicht wie 1984 sein wird.


Anya Major ist der Name der Schauspielerin (geb. 1966), auch im wirklichen Leben ist sie Athletin. Die Ausstellungen beziehen sich auf sie, um den rebellischen Geist ins Gedächtnis zu rufen, den sie verkörpert. Ihre Fehlerziehung (Miseducation) ist kein Klagelied darauf, dass sie absichtlich mit falschen Informationen versorgt und ihr wichtiges Wissen vorenthalten wurde, um b sie klein zu halten. Im Gegenteil, es ist die Vision der Rückkehr einer kritischen und kreativen Medienkompetenz, die sich – wie Anya Major – Kontrollmächten entzieht und für eine subversive Auseinandersetzung mit den Medien der Gegenwart steht. Sie stellt die von der Kreativwirtschaft aufgezwungene Homogenisierung der Medienerziehung und die damit einhergehende Definition des fachkundigen Mediennutzers in Frage, in der die Macintosh-Lifestyle-Maschinerie fest verankert ist. Fernab von standardisierten Lernprozessen und vorgefertigten „Schüleridentitäten“ eröffnet die Fehlerziehung der Anya Major ein weites und heterogenes Feld alternativer Wege zum qualifizierten Mediennutzer. Von Fehlerziehung im wörtlichen Sinn kann nur aus Sicht der Bildungsprinzipien der Mainstream-Medienkultur die Rede sein. Die Ausstellungen hingegen suggerieren eine radikal neue Definition dessen, was Medienerziehung ist oder besser: Was sie sein kann.


Während Diskussionen zur gegenwärtigen Medienkultur immer wieder das didaktische Potenzial von Computerspielen betonen, wird Computerkunst in der öffentlichen Wahrnehmung als zu schwer und zu seltsam betrachtet, als dass man davon lernen könnte. The Miseducation of Anya Major kritisiert diese Denkweise und fordert eine Auffassung von Kunst als didaktische Sprache mit eigenen Erfahrungswerten und Wissensformen, die eine lineare Logik medialer Entwicklung ablehnt, um andere Formen des Lernens, des Nutzens und Entwickelns von Medien spekulativ zu erkunden. Es ist eine Sprache, die es ermöglicht, Überwachungsbildschirme nicht mit Vorschlaghammer und Maschinenstürmer-Ehrgeiz zu zerstören, sondern mit konzeptionellen Kniffen, visueller Subversion und materiellen Attacken, die den Weg für die Rekonfiguration von medialen Objekten und Beziehungen frei machen.


Dieser didaktischen Herausforderung begegnen die drei Ausstellungen auf unterschiedliche Weise. Tools of Distorted Creativity zeigt eine Reihe zeitgenössischer Werke, die das Verständnis von Softwaretools und ihren Impulse für die Kreativität in nonkonformistische und sogar dysfunktionale Richtungen ausweiten. Imaging with Machine Processes. The Generative Art of Sonia Landy Sheridan ist eine Werkschau einer Künstlerin, die in Bildungsinstitutionen mit den Maschinen der Technologiegesellschaft experimentierte und sie als Instrumente eines philosophischen Geistes und künstlerischer Vorstellungskraft nutzte. Und schließlich präsentiert die Installation Evil Media Distribution Centre des Duos YoHa (Graham Harwood und Matsuko Yokokoji), die sich auf das Buch Evil Media (2012) von Matthew Fuller und Andrew Goffey bezieht, „böse“ Alltagsmedien zusammen mit Texten verschiedener Gastautoren. Sie entwirft ein erweitertes Bild von Medien und ihrer Wirkung auf partizipatorische Verhaltensweisen. Alle drei Ausstellungen führen in eine Art der Medienkompetenz ein, die nicht allein auf der Fähigkeit basiert, Medien wie vorgeschrieben anwenden zu können und so zum kompetenten und effektiven Nutzer zu werden. Das verbindende Element ist die Erforschung von Medien als kulturelle Konstrukte und Reaktion sowie als Mittel, die Möglichkeit der kreativen Mutation solcher Konstrukte und Reaktionen zu denken.


Die von der Kreativwirtschaft vermarktete Massenkultur und die auf Spektakel getrimmte Mediengesellschaft haben Anya Major längst vereinnahmt. The Miseducation of Anya Major lädt Besucher dazu ein, ihren beispielhaften Widerstand gegen Gleichförmigkeit und Obrigkeiten wiederzuentdecken. Dieser Widerstand wird in einer Reihe von Arbeiten und Ausstellungen erlebbar, die betonen, wie bedeutend eine rebellische ökologische Intelligenz ist, um exzentrische, experimentelle und wirklich vielfältige mediale Welten zu schaffen.


Öffnungszeiten:

Di 29.1. 17:30-23:30

Mi 30.1.- So 3.2. 10:00-22:00