Gamelan-Konzert

Ensemble Kyai Fatahillah

Bandung/West Java

Do 6.10.2005
20h
Eintritt: 13 €, ermäßigt 10 €, Festivalticket: 30 €
Ensemble Kyai Fatahillah, Copyright: Dieter Mack

Improvisatorische Elemente haben in der westjavanischen Musik einen hohen Stellenwert. Reine Dorforchester existieren kaum mehr, dafür bilden renommierte Institute professionellen Nachwuchs aus. Das nach Berlin eingeladene Ensemble rekrutiert sich aus jungen Musikern des derzeit aktivsten Zentrums für Neue Musik an der Lehrerausbildungsuniversität UPI. Es wird traditionelle und zeitgenösssische Stücke aufführen. Iwan Gunawan – musikalischer Leiter des Ensembles und selbst Komponist – lotet, auch mit Computerklängen, neue rhythmische Verfahren aus, nicht zuletzt in Reaktion auf die minimal music.


Die Kompositionen des Abends


„Keliningan“ (Trad. Wayang Golek, arr. Iwan Gunawan )

Als „Keliningan“ bezeichnet man in Sunda (Westjava) einen Stil, der zur Darbietung von bestimmten Gesängen oder zu Puppenspielen gespielt wird, entweder in den Pausen oder aber zur Verdeutlichung bestimmter Geschehnisse in der Geschichte. Die einzelnen Melodien werden gerne in Form eines „medley“ dargeboten, obwohl die Tempi sehr unterschiedlich sein können. Die tatsächliche Aufführungslänge hängt von den Kommandos des Puppenspielers ab.Das Stück „Keliningan“ besteht aus fünf Teilen, einschließlich einer Eröffnung und einem typischen Schlussteil. Eine Besonderheit ist in diesem Fall die sehr selbständige Bewegung und Struktur der Melodie der tiefsten und größten Buckelgongs.


„Kulu-Kulu 2004“ ( Iwan Gunawan 2004)

Das Stück geht zurück auf eine gleichnamige Komposition aus dem Jahr 1997 für zwei Gamelan-Sets in unterschiedlicher Stimmung (etwa ein Halbton Unterschied). Das ursprüngliche Werk war vor allem durch eine sehr eigene aggressive Klanglichkeit geprägt, die den perkussiven Charakter betonte. In der hier vorliegenden Neuversion hat der Komponist die rhythmische Komplexität des Stücks beträchtlich erhöht. Die entfernt an Techniken von Philip Glass erinnernden additiven und subtraktiven Verfahren setzt der Komponist auf sehr eigenwillige Art und Weise ein, bei der eine makrostrukturelle Gliederung die potentiell reihende Kleinteiligkeit überlagert.


„Ligar“ ( Uus Kusnadi , 2005)

„Ligar“ wurde für zwei Rebab (zweisaitige Streichinstrumente ohne Griffbrett) und vier Suling (Kernspaltflöten) verschiedener Größe komponiert. Der Titel verweist auf eine Spieltechnik bei der Rebab, bei der beide Saiten frei zugleich erklingen. Dieser durch ein Intervall (meist ähnlich einer Quart) geprägte Klang war die Ausgangsbasis für weitere harmonische Experimente auf der Basis der sundanesischen Stimmungen. Sowohl die Flöten als auch die Streichinstrumente werden dabei auf neuartige Art und Weise eingesetzt. Die traditionelle, rein melodische Spielweise hat dabei keine Bedeutung mehr.


„Nyurup“ ( Iwan Gunawan 2005)

Der Begriff „Nyurup“ steht für etwas Harmonisches, etwas das im emphatischen Sinne „stimmt“ oder balanciert ist. Vom konventionellen Verständnis her gesehen, sind die in diesem Stück gewählten Klänge jedoch genau gegenteilig belegt. Drei Flöten (Suling) erklingen zusammen, haben aber eine unterschiedliche Tonlage, so dass Akkorde und weitere spezielle Klangformen gebildet werden können. Auch die Buckelgongs werden so arrangiert, dass ungewöhnliche Klangkonstellationen entstehen können, obwohl weiterhin konventionell gespielt wird.


„GAME-Land“ ( Slamet A. Sjukur , 2005)

Schon der wortspielerische Titel verrät ein wenig über den Komponisten und seine Haltung: „GAME-Land“ lässt sich mit „Land der Spiele“ oder „Spielwiese“ übersetzen, andererseits steckt auch der Begriff „Gamelan“ selbst darin. Sjukur arbeitet in diesem Werk mit mehreren, präzis aber auch grafisch notierten Klangschichten, die immer wieder spielerisch zwischen Geräuschklängen und klar definierten Tonskalen hin- und her pendeln.Das Werk ist den Opfern des Tsunami gewidmet und wurde in Erinnerung an den holländischen Komponisten Ton de Leeuw geschrieben, der vor zehn Jahren starb und einer der ersten westlichen Komponisten war, der für Gamelan komponiert hatte.


„Hujan Munggaran“ (Mang Koko 1966)

Mang Koko, einer der berühmtesten Neuerer der sundanesischen Musik, hat hier ein Werk geschaffen, das deutlich von der traditionellen Musik zuvor abwich. „Hujan Munggaran“ galt 1966 als kreasi baru, als „neue Kreation“ Es heißt, dass es in diesem Stück um Sehnsucht geht, um das Herbeisehnen von Regen (hujan) nach monatelanger Trockenheit. Als der Regen dann tatsächlich fiel, begrüßten ihn die Menschen mit großer Freude, denn nun war ihre Ernte gerettet.


„Racikan“ ( Gungun Gunarsah 2002/2005)

Der sundanesische Begriff „Racikan“ bedeutet soviel wie „Ergebnis der Bemühungen“ und wird in der Regel im Zusammenhang mit dem Kochen eines Gerichts verwendet. „Der Ursprung dieses Stücks liegt in einer alltäglichen Situation des kollektiven Gamelanspiels während des Studiums“, sagt der Komponist Gungun Gunarsah. „Wenn die offizielle Unterrichtszeit beendet war, saßen wir häufig noch an den Instrumenten und improvisierten frei auf der Suche nach neuen Klängen. Ursprünglich waren es also nur bestimmte, aus der spontanen Improvisation entstandene Spielsituationen, die zu diesem Stück führten. In der hier vorliegenden Neufassung habe ich jedoch die Gegenüberstellung zweier Stimmungssysteme als thematische Klammer in den Vordergrund gestellt. Dabei werden zwei verschiedene Spielweisen ausgearbeitet: Durch die vertikale Kombination der beiden Stimmungssysteme versuche ich eine Art Gamelan-typische, klanglich geprägte Harmonik in den Vordergrund zu stellen. Bei der linearen, ineinander verzahnten Verwendung beider Stimmungen geht es mir mehr um eine intervallische Erweiterung der Melodik.“


„Fonem“ ( Iwan Gunawan 2005)

Dieses Stück wurde für eine Sängerin (Sopran), Gamelanensemble und mit dem Computer verarbeitete Klänge komponiert. Die Grundidee basiert auf der Verwendung von ausgewählten Klängen, die Wortsilben aus fremden Sprachen entsprechen. Durch diese „Entsemantisierung“ der Sprachsilben konzentriert sich die Wahrnehmung mehr auf den musikalischen Klang als – wie gewöhnlich - auf die Worte oder Silben. Weiterhin war der Komponist an einer speziellen Kommunikation zwischen den Vokal- und Instrumentalklängen interessiert, so dass eine gemeinsame Textur entsteht.


Programm

Iwan Gunawan: „Kulu-Kulu 2004“ (1997/2004)

Trad. W. Golek (arr. I. Gunawan): „Keliningan“

Uus Kusnadi: „Ligar“ (2005)

Iwan Gunawan: „Nyurup“ (2005)

PAUSE

Slamet A. Sjukur: „Game-Land“ (2005)

Mang Koko/arr. I. Gunawan „Hujan Munggaran“

Gungun Gunarsah: „Racikan“ (2005)

Iwan Gunawan: „Fonem“ (2005)


Musikalischer Leiter: Iwan Gunawan

Komponisten: Iwan Gunawan, Gungun Gunarsah, Kusnadi (Bandung)

Auswärtiger Komponist: Slamet Abdul Sjukur (Jakarta)


Im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen, die unterstützt werden durch die Stiftung deutsche Klassenlotterie Berlin (DKLB).