Sa, 26. September 2020

Konferenz: Bilderatlas Mnemosyne

Mit Burcu Doğramacı, Steffen Haug, Eckart Marchand, Johannes von Müller, Elizabeth Sears, Bill Sherman, Matthew Vollgraff, Claudia Wedepohl

Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne | Ausstellungsansicht | © Silke Briel / HKW

Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne | Ausstellungsansicht | © Silke Briel / HKW

Aby Warburgs Forschungsansatz war interdisziplinär, kollaborativ und international. Welche Konzepte entstanden durch seinen offenen Blick auf Künstler*innen wie Domenico Ghirlandaio und Albrecht Dürer? Welche Bedeutung hatten Denker*innen und Forscher*innen wie Ernst Cassirer und Gertrud Bing für die „Werkstatt“, in der der Bilderatlas Mnemosyne seine Form gewann? Wissenschaftler*innen und Kurator*innen diskutieren die Konzepte, die hier entwickelt wurden, und ihr Fortwirken in der zeitgenössischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft.

Tag 1 | Tag 2

Photography and Exhibitions

11h
Begrüßung, Einführung
Bill Sherman, Claudia Wedepohl

11.15h
Before the Atlas. Exhibiting Cultural History in Wilhelmine Germany
Matthew Vollgraff
Vortrag

Mehr als zehn Jahre bevor Warburg die Arbeit an seinem Atlas begann, gab es zwei Ausstellungen mit überraschend ähnlichem Ansatz: über die Geschichte der Hygiene 1911 in Dresden und in Leipzig 1914 über die Entwicklung der wissenschaftlichen Bilder. Kurator war in beiden Fällen der Leipziger Medizinhistoriker Karl Sudhoff, dessen Werk Warburg kannte und schätzte. Sudhoff forschte zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte in Verbindung mit Kunst- und Kulturgeschichte. Die Ausstellungen in Dresden und Leipzig illustrieren dieses Interesse. Sie präsentierten Anordnungen fotografischer Reproduktionen, die Warburg zum Teil selbst zur Verfügung stellte und die sowohl in ihrer Form als auch inhaltlich an den Bilderatlas Mnemosyne erinnern. Welche Beziehung bestand zwischen dem Atlas und diesen Schauen? Welche unterschiedlichen Ziele verfolgten sie und von welchem Geschichtsverständnis waren sie jeweils geprägt?

12h
Aby Warburg’s Dürer Exhibition at the Volksheim in 1905
Eckart Marchand
Vortrag

1907 publizierte Aby Warburg einen Text über die aktuellen und geplanten Ausstellungen im Hamburger Volksheim. Im Jahresbericht des Volksheims erwähnt er auch seine eigene Dürer-Schau aus dem Jahr 1905. Durch Gertrud Bings Aufnahme in die Gesammelten Schriften Warburgs erlangte der Artikel posthum unerwartete Popularität, und mit ihm erreichte auch die Dürer-Ausstellung relative Bekanntheit. Dagegen blieben Warburgs Beiträge zu früheren Ausstellungen im Volksheim weitgehend unbeachtet. Welche Rolle spielte Warburg bei der Inszenierung und Gestaltung der Ausstellungen des Jahres 1902? Welche Bedeutung hat die Dürer-Schau in ihrem ursprünglichen Kontext? Wie Warburgs Skizzen aus jener Periode belegen, arbeitete er selten allein, sondern zog die Kooperation mit anderen vor. Welche Konsequenzen hatte diese frühe kuratorischen Erfahrung für die Gestaltung seiner späteren Bilderreihen und die Tafeln des Bilderatlas Mnemosyne?

12.45h Q&A

13.15–14.45h Pause

14.45h
Image Politics of Resistance: Exhibitions of the Exile Association 'Free German League of Culture' in London in the 1940s
Burcu Doğramacı
Vortrag (per Video)

1942 eröffnete die Ausstellung Allies inside Germany in einem leerstehenden Londoner Ladengeschäft. Organisiert wurde die Schau von der Free German League of Culture. Sie sollte dem Widerstand in NS-Deutschlands Sichtbarkeit geben und die Besucher*innen davon überzeugen, dass es potentielle Verbündete in Deutschland gab. Allies Inside Germany funktionierte vor allem über Bildtafeln und darauf montierte Fotografien, die dem Aufstieg des Nationalsozialismus und dem Widerstand gegen ihn gewidmet waren. Verantwortlich für die Bildtafeln war der Künstler John Heartfield, der 1938 über Prag nach London geflüchtet war. Allies inside Germany tourte später erfolgreich durch Städte wie Birmingham, Glasgow oder Manchester. Welche Bildpolitiken nutzten diese Ausstellungen? Was ist ihre Bezug zu den zeitgleich stattfindenden Schauen des Warburg Institute in London?

15.30h
A Tele-Visual History: Exhibitions after the Bilderatlas
Johannes von Müller
Vortrag

Nach der Ankunft in London 1933 organisierten die Mitarbeiter*innen des Warburg Institutes eine Reihe von Fotoausstellungen. Dabei stützten sie sich auf die Erfahrungen, die sie in Hamburg bei der Arbeit mit Aby Warburg am Bilderatlas gemacht hatte. Anders als beim Atlas waren die fotografischen Darstellungen jedoch für Ausstellungen konzipiert, die auch reisen und ein ungewöhnlich breites Publikum erreichen sollten. Angesichts dieses relevant anderen Ansatzes stellt sich die Frage, welchen neuen Blick auf den Bilderatlas die nach der Emigration kuratierten Schauen des Instituts erlauben.

16.15h Q&A

16.45–17.15h Pause

The Atlas as Workshop

17.15h
Warburg’s Hertziana Lecture, January 1929: The Documents
Elizabeth Sears
Vortrag (per Video)

Aby Warburgs Arbeitsprozess lässt sich durch Dokumente im Archiv des Warburg Institute nachvollziehen, mit denen er – unterstützt von Gertrud Bing – seine letzte öffentliche Vorlesung in der römischen Bibliotheca Hertziana und damit das „Hauptkapitel“ seines Bilderatlas vorbereitete. Zu diesem Zweck montierte er Fotografien auf neun speziell konstruierte Wandschirme und ließ die Bildzusammenstellungen von Pompeo Sansaini in zwanzig großformatigen Fotografien festhalten. Diktate von Entwürfen für die Eröffnung und den Schluss seiner Rede, Einträge im Tagebuch und Warburgs Kalender, Korrespondenzen, Skizzen und Karten ergänzen die Dokumentation. In seiner Einleitung analysiert Warburg die erste Bildtafel (Sansaini 1-2). Dieser Text ist einer der seltenen Hinweise auf das, was der Bilderatlas hätte werden können, wäre er nicht unvollendet geblieben.

18h
“Thirty Years of Pre-work”: Ghirlandaio and his Workshop as a Leitmotif in Warburg’s Life Project
Claudia Wedepohl
Vortrag

Aby Warburg gab seinem so genannten Hertziana-Vortrag den Titel Die römische Antike in der Werkstatt Domenico Ghirlandajos. Der eigens dafür aufgebaute Apparat aus großen Tafeln mit hunderten von Einzelbildern ging zwar weit hinaus über das Œuvre des Goldschmieds und Malers, der für das Florentiner Bürgertum Freskenzyklen schuf, doch Ghirlandaio war – bemerkenswerterweise – die zentrale Figur in Warburgs Argumentation und sein Werk sollte auch im Atlas eine prominente Rolle spielen. In diesem Tagungsbeitrag wird der Prominenz Ghirlandaios nachgegangen; es werden die lange Vorschichte von Hertizana-Vortrag und Atlas über das wiederkehrende Thema von Werk, Werkstatt und Auftraggeberschaft Ghirlandaios, ausgehend von Warburgs Studentenzeit über die frühen Ansätze zu einem Atlas bis zum einem am Vorabend der Ersten Weltkriegs in Florenz gehaltenen Vortrag, rekonstruiert werden.

18.45h
The Atlas as „Weltspiegel“. Warburg’s Reformation Panels 1928/29
Steffen Haug
Vortrag

1928 arrangierte Warburg mehrere Atlas-Tafeln zur Reformation in Deutschland. Es handelt sich dabei um eine Fortschreibung und Erweiterung seiner Studien seit dem Aufsatz über Heidnisch-Antike Weissagungen in Wort und Bild zu Luthers Zeiten (1920). Diese ersten Tafeln dokumentieren Warburgs Interesse an den ersten Massenbildern der Reformation und an der Beziehung zwischen Aberglaube und Wissenschaft. In der 1929 erstellten Version des Atlas sind sie jedoch nicht enthalten. In welcher Weise beeinflusste der charakteristische Einsatz der Bilder auf diesen ersten Tafeln die späteren Tafeln?

19.30h Q&A

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