Sa., 14. November 2020

The Hyper-Appearance of Music

Agnès Gayraud

Mit Dialectic of Pop hat die Musikerin und Philosophin Agnès Gayraud in diesem Jahr eine umfassende philosophische und historische Untersuchung von Popmusik als einer paradoxen, selbst-reflexiven, technologisch vermittelten Kunstform vorgelegt. In ihrer Konklusion formuliert sie einen Verdacht: “pop, as a form, will have exhausted itself” (Pop als Form wird sich erschöpft haben), wenn sie unter dem kolossalen Archiv und Überangebot der Aufnahmen zusammenbricht und Musik bloß noch ihre dezimierte Funktion erfüllt, ohne dass irgendwer noch wirklich zuhört.

Dabei war Musik noch nie so stark visuell präsent wie in der multimedialen Gegenwart. Von der Klangwellen-Visualisierung in Musiksoftware über die Einbettung von Musikvideos in jeglichen visuellen Medien bis zum Design der Streamingdienste: Überall tritt Musik in Erscheinung. Musiker*innen sind auf visuelle Lockmittel angewiesen, damit Interessierte ihre „musikalischen Inhalte“ anklicken; dabei verzichten sie oftmals darauf, dass diese auch wirklich angehört werden. Gayraud fragt: Wie beeinflusst diese Sichtbarkeit von Musik die Möglichkeiten ihrer Erfahrung? Stehen die Sinne miteinander in Konkurrenz? Ist die Über-Erscheinung von Musik der Schlüssel zu ihrem heimlichen Verschwinden?