Do, 04. Februar 2021

#Healing (Faju)

Tabita Rezaire | Dilo, 2017 | Courtesy of the artist und Goodman Gallery, Südafrika

Tabita Rezaire | Dilo, 2017 | Courtesy of the artist und Goodman Gallery, Südafrika

Lücken, Löcher und Löschungen in der Geschichtsschreibung hinterlassen gespenstische, kollektive Wunden. Wie kann eine Entschädigung – jenseits eines materiellen Ausgleichs – im Kontext des Black Atlantic und der Geschichte Afrikas aussehen, die gleichsam anerkennt, dass sich vergangene und zukünftige Erinnerungen, Beziehungen und Möglichkeiten nie mehr vollständig restituieren lassen? Lassen sich koloniale Wunden heilen? Lassen sich die Leerstellen dessen, was die Gesellschaft und das kollektive Bewusstsein heute umtreibt, adressieren, indem fehlende Stimmen und verborgene Geschichten ans Licht geholt und andere Formen des Wissens, Seins und der Beziehung zurückgewonnen werden?

Diese Ausgabe der New Alphabet School widmet sich afrodiasporischen und folkloristischen Praktiken des Heilens, therapeutischen und schamanistischen Methoden der Gesundung und indigenen, dekolonialen und feministischen Techniken mit transformativem Potenzial. Welche Rolle können sie bei der Bewahrung des persönlichen und gesellschaftlichen Wohls innehaben? Vermittelt über Klang, Oralität und rituelle Zeremonien richtet sich der Blick auf das Heilige, Spiritualität, Verbundenheit mit dem Land der Vorfahren, mit der Menschheit und mit nicht-menschlichen Elementen. „Healing“ und „Faju“ (Englisch und Wolof für „Heilen“) meinen einen Prozess der Reparatur traumatischer Beziehungen mithilfe nicht-westlicher Epistemologien und Weltbilder. Es geht darum, hegemoniale und westlich zentrierte Muster zu verlernen. Dazu gehören auch ausbeuterische Formen von Wissensaneignung. Diese Ausgabe lädt dazu ein zu erkunden, ob ein Potenzial zur Überwindung systemischer Unterdrückung besteht und die Gesellschaft von Kolonialismus, Kapitalismus, Patriarchat geheilt werden kann.

#Healing (Faju) bringt Heilende, Künstler*innen, Praktizierende und Forschende zusammen, um sich über Heilungstraditionen und -techniken auszutauschen, die in indigenen und überlieferten Wissenssystemen gründen. Online finden Workshops und divinatorische Sitzungen mit Teilnehmer*innen der New Alphabet School statt.
Konzipiert von Alessandra Pomarico, Esther Poppe, Yayra Sumah und Maya V. El Zanaty

In Zusammenarbeit mit RAW Material Company, École de Sables, Bibliothèque Terme Sud und Goethe-Institut Senegal

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Donnerstag 04.02.

17.30h
Our Songs, Our Medicines
Kuratorische Einführung mit Alessandra Pomarico, Esther Poppe, Yayra Sumah, Maya V. El Zanaty

Was bedeutet es, geheilt zu werden? In den heutigen Gesellschaften geht nach wie vor der Geist kolonialer, kapitalistischer und patriarchaler Ausbeutung um. Wie ein Gift zehrt er als Parasit von dem Leid, den Traumata, Ängsten und Depressionen, die er in die menschlichen Köpfe und Körper pflanzt. Die kuratorische Einführung ist eine Passage, durch die sich Verstand und Geist der Teilnehmenden mit der gemeinsamen Reise des Programmes verbinden können: Es ist ein Aufruf und eine Einladung, sich mittels ritueller Praxen auf die Frequenzen der Ahnen und spirituellen Mentor*innen einzustimmen und sich somit auf einen Weg der Heilung zu begeben.

18h
We Are Waves
Performative Lecture von Lionel Manga

Auf den transatlantischen Menschenhandel folgte in afrikanischen Ländern die Ära der Traumatisierung. In seiner performativen Lecture nimmt der Autor und Kulturkritiker Lionel Manga die von Generation zu Generation weitergegebenen Traumata in den Blick: von der Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter den Kolonialmächten im Anschluss an die Berliner Konferenz 1884/85 über die Monotheisierung weiter Teile der Bevölkerung und die damit verbundene Verdrängung spiritueller Welten bis hin zu unterbrochenen Dekolonisierungsprozessen. Manga geht diesem negativen Kraftfeld nach, das jede lebendige Dynamik ausbremst und politische Emanzipation erschwert. Ausgehend von einer Maxime der Bantu folgt er der Idee, dass die Welt dem Schimpansen vergleichbar ist, der stürzt, sich kurz schüttelt und weitermacht. Er ermuntert die Zuhörenden, sich als Wellen zu verstehen und den Glauben nicht zu verlieren, dass Heilung möglich ist.

18.30h
Mamelles Ancestrales
Video-Screening
D: Tabita Rezaire, Senegal 2019, 62 Min, auf Französisch mit engl. UT

In Mamelles Ancestrales beschäftigt sich Tabita Rezaire angesichts aktueller Weltraumbesiedelungspläne mit Forschungen der Vorfahren, mit ihren Anschauungen und Anrufungen an die Weiten des Himmels. Mamelles Ancestrales ist inspiriert von den megalithischen Landschaften des Senegals und Gambias, von Weltraummüll, Archäologie, Astronomie, Numerologie, Theologie sowie von afrikanischen kosmologischen Konzepten. Es ist eine Suche nach Verbindungen zwischen Himmel und Erde und zwischen Lebenden und Toten in einer Welt, in der die Himmelskörper, die mineralischen Lebensformen und die Geister gemeinsam erklingen. Die Künstlerin entwickelte das Video im Zuge ihrer Forschungen und Reisen zu den Steinkreisen in Sine Ngayène und Wanar im Senegal und in Wassu und Kerbatch in Gambia. Um auf die Rätsel der tausenden Steinkreise in Senegambia einzugehen, bringt Mamelles Ancestrales die Geschichten der Wächter*innen der Stätten und der lokalen Bevölkerung mit Erkenntnissen von Astronom*innen, Archäolog*innen und Theolog*innen zusammen. Mamelles Ancestrales folgt einer alten afrikanischen megalithischen Zivilisation, um ein besseres Verständnis für die gegenwärtige zu bekommen. Von versteinerten Bräuten bis zu Grabesstätten, von historischen Observatorien zu zeremoniellen Plätzen oder Spuk- und Kraftorten, die Steinkreise sind für Rezaire Zentrum einer wissenschaftlichen, mystischen und kosmologischen Forschung.

19.30–23h
Transatlantic Sounds: “What would you say if I told you that our Black history has been denied?”
Soundmarathon von Tomás Espinosa, Jorge Gómez, Carina Madsius und Linda-Philomène Tsoungui mit Laeïla Adjovi, Margarita Ariza, Corinna Fiora, Mario Henao, Christian Howard Hooker, Ibaaku, Muhammed Lamin Jadama, LoMaasBello, Macú, Daba Makourejah, Daniela Maldonado (Red Comunitaria Trans), Plu con Pla, Johan Mijail, Yos Piña Narvaez, Ariel Palacios, Fundación Cultural Pilón, Abdulah Sow
z.T. auf Spanisch mit Übersetzung ins Englische

In der afrikanischen Diaspora liegt Leid, aber auch das Potenzial für Transformation. Mit den diasporischen Bewegungen wurde der Atlantik vor dem Hintergrund von Trauma und Gewalt zu einer Verbindungsroute für kulturellen Austausch. Verschiedene Afrikas trafen auf die karibische, atlantische und pazifische Küste von Abya Yala – der indigene Name für das prä-kolonisierte Gebiet des heutigen amerikanischen Kontinents. Die Mestizaje – die kulturellen Vermischungen –, die sich auf dieser Grundlage entwickelten, fanden Ausdruck in Tänzen, rituellen Praxen, Religiosität, Musikinstrumenten, Trommeln und Perkussion. Im kolonialen Machtgefüge kam es zu einer Abwertung, Verzerrung und Rassifizierung dieser Ausdrucksformen und zur Trennung der afrodiasporischen Gemeinschaften von einem Teil der Geschichte – der Geschichte des Black Atlantic.

Der digitale Marathon versammelt Klangarchive, Stimmen und Erfahrungen, die Teilnehmenden tauschen Ideen aus, diskutieren und hören einander zu. Für den Marathon kommen Musiker*innen und Künstler*innen, Gäste aus dem Senegal, der Karibik, aus Kolumbien und der senegalesischen Diaspora in Berlin zusammen. Als Mitglieder der Diaspora teilen sie ihre Erfahrungen in Form von Gedichten und Interventionen mit den Teilnehmer*innen. Der Marathon ist die Grundlage des digitalen Audio-Streams am 6. Februar.

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