Fr, 22. November 2019

Dan Bodan & Scott Carver, John Oswald, Algorave

Dan Bodan | Foto: Julia Burlingham

Dan Bodan | Foto: Julia Burlingham

20h John Oswald: Plunderphonics | Lecture-Performance, Hirschfeld Bar
21h Dan Bodan & Scott Carver: A Flow of Serosities, uraufgeführt vom Kammerensemble Neue Musik | Konzert, Foyer
22h Algorave mit Alexandra Cárdenas & Antonio Roberts | Live-Set, Hirschfeld Bar

Dan Bodan & Scott Carver: A Flow of Serosities
uraufgeführt vom Kammerensemble Neue Musik

Die Automatisierung hat auch in der kreativen Welt Einzug gehalten. Unternehmen streben nach mehr Profit, deshalb wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Produktion von Inhalten zunehmen: Denn algorithmisch kreierte Werke kommen – vermeintlich – ohne Urheber*in aus. Doch hinter jedem Computer-Output steckt menschlicher Input. Der Musiker Dan Bodan hat sich für Right the Right mit dem Programmierer und Soundkünstler Scott Carver zusammengetan, um diesen Prozess praktisch vorzuführen. Inspiriert dazu wurde Bodan durch seine Arbeit als Komponist für Googles lizenzfreie Audio-Bibliothek. Nun hat Carver eine Serie von Algorithmen entwickelt, die Originalpartituren von Bodan verarbeiten und „neue“ Versionen, Variationen und Annäherungen an die ursprünglichen Werke produzieren. Beide – die komponierten und die algorithmisch verarbeiten Partituren – werden im HKW uraufgeführt vom Kammerensemble Neue Musik in der Besetzung Piano, Fagott, Klarinette und Flöte. So wirft die Präsentation Fragen auf: Wo liegt eigentlich der Moment der kreativen Schöpfung? Wie werden diese Varianten von Urheberschaft – die des Komponisten, die des Algorithmus und die des Entwicklers – bewertet und geschätzt, sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich? Was bedeutet Urheberschaft im Zeitalter von Big Data?

John Oswald, Plunderphonic, 1989

John Oswald, Plunderphonic, 1989

John Oswald: Plunderphonics
Ende der 1960er Jahre entwickelt der Komponist John Oswald die Technik des „Microsamplings“ und erfindet das Genre Plunderphonics: Musik, die aus Sequenzen „geplünderter“ Musikaufnahmen besteht, die verfremdet und zu aufwändigen Sound-Collagen neu montiert werden – inspiriert von William S. Burroughs Cut-Up-Technik. Sein Kompositionskonzept stellt Oswald 1985 unter dem Titel Plunderphonics, or Audio Piracy as a Compositional Prerogative (Plunderphonics, oder Audiopiraterie als kompositorisches Vorrecht) auf einer Konferenz in Toronto vor. Es folgen eine EP und eine CD, die rekombiniertes Material von Dolly Parton, Elvis Presley und Le sacre du printemps, Stücke der Beatles, Anton Webern und Michael Jackson enthalten. Zum offensiven Prinzip gehört, dass die Quelle des Klangzitats klar wiederzuerkennen ist. Die Reaktionen sind unterschiedlich: Der kanadische Musikwirtschaftsverband verklagt Oswald, ein großes Label beauftragt ihn, sich frei aus dessen Katalog zu bedienen. Das bewusste Infragestellen von Originalität und Identität prägt bis heute Oswalds Arbeit. Obwohl Sampling- und Mashup-Techniken längst gängige Praxis in der Musikproduktion geworden sind – auf die Herausforderung durch „Plunderphonic“-Kompositionen und andere Formen der Appropriation Art hat Copyright bis heute noch keine angemessene Antwort.

© Antonio Roberts

© Antonio Roberts

Algorave mit Alexandra Cárdenas & Antonio Roberts
Algorave – eine Kombination aus „Algorithmus“ und „Rave“ – ist ein neues Modell einer Clubnacht: Sounds und Visuals werden live programmiert und algorithmische Musikerzeugung auf der Leinwand sichtbar gemacht. Zum Selbstverständnis der Szene gehören neben Experimentierfreude und der Begeisterung für audiovisuelle Gesamterlebnisse auch Gemeinschaftlichkeit, Diversität und die Abwesenheit von Werbung. Seit den ersten Algoraves in Sheffield 2012 ist eine Bewegung entstanden; die Partys finden längst auf der ganzen Welt statt. Alexandra Cárdenas und Antonio Roberts gehören zu den Algorave-Pionier*innen. Die Komponistin, Musikerin und Programmiererin Cárdenas verwendet Open Source-Software um die Musikalität von Code und das algorithmische Verhalten von Musik zu untersuchen. Nach ihrer klassischen Musikausbildung in Bogotá wechselte sie zur experimentalen Elektronik und zum Live-Coding – erst in Mexico City und aktuell in Berlin. Antonio Roberts beschäftigt sich mit geistigem Eigentum im Kontext digitaler Technologien. Die Arbeiten des in Birmingham lebenden Künstlers und Kurators wurden u. a. im Victoria & Albert Museum, im Barbican Centre und im Whitney Museum of American Art ausgestellt. Seine Arbeit zu Autorschaft und Open Source findet auch in den Algoraves Widerhall, wenn Roberts sich von allen Tanzenden dabei auf die Finger schauen lässt, wie er Visuals in Echtzeit kreiert und editiert.