Fr, 26. April 2019

In Formation

Sophia Roosth mit Maria Chehonadskih und Melody Jue, Xavier Le Roy, Scarlet Yu und Performer*innen

Wie lässt sich die Abstraktion vom Einzelnen zum Allgemeinen als Element der Wissensproduktion und gleichzeitig der Konstruktion von ethischen Normen begreifen, die epistemischen Praktiken zugrunde liegen? Und inwiefern werden die hier auftretenden Widersprüche von der Realität und ihren Umweltbedingungen überformt, die sich der Kontrolle oder dem Vorstellungsvermögen des Menschen entziehen? Das Gespräch verhandelt am Beispiel unterschiedlicher Milieus und Organisationsstrukturen diese Fragestellungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Konzepte wie Individuum, Spezies und Umwelt.

Die Philosophin Maria Chehonadskih führt Überlegungen des russischen Philosophen Alexander Bogdanov weiter, der Arbeit und Beziehungsgefüge, wie sie Kollektive hervorbringen, in objektive Formeln gefasst hat. Die Literaturwissenschaftlerin Melody Jue untersucht unterschiedliche Medien als Analysewerkzeuge und als Teil der morphologischen Entwicklung von Lebensformen. Am Beispiel der Sonartechnologie in der Buckelwalforschung zeigt sie, wie die Entwicklung von Organismen zwischen Lebens- und Technizitätsdiskursen vermitteln kann. Sophia Roosth greift den Begriff der Induktion als epistemische Methode auf, um die Entwicklung von Lebewesen durch Interaktion mit ihrer Umwelt zu analysieren.

Durch die ständige Veränderung der Erde befindet sich der Mensch in einem ununterbrochenen Aushandlungsprozess über die Bedeutungen und Formen von Leben. Selbst für die Lebenswissenschaften hat in den immer neuen Interpretationen davon, was Leben sein könnte, ein Paradigma das andere abgelöst. Allein die Frage, wie das Leben überhaupt erforscht werden kann, hat sich wieder neu ausgerichtet. Die Wissenschaftshistorikerin Sophia Roosth zeigt in einem vierteiligen Gespräch mit weiteren Teilnehmer*innen auf, wie sich unterschiedliche Ansätze, Leben zu verstehen, auf die Formen auswirken, in denen es sich manifestiert.

Temporary Title, 2015, Carriageworks Sydney | © Peter Craig

Temporary Title, 2015, Carriageworks Sydney | © Peter Craig

Choreografie

Während Lebensformen organisieren die Choreograf*innen Xavier Le Roy und Scarlet Yu gemeinsam mit Performer*innen den Raum und das Geschehen und machen ihre Beziehungen zueinander sowie ihr Verhältnis zur Umgebung sichtbar. Die Gestalt der Welt wird im Zusammenspiel von Erdprozessen, menschlicher Kultur und den daraus hervorgehenden Technologien ausgehandelt: ein Spannungsverhältnis, aus dem verschiedenste, oft unwiderrufliche Veränderungen erwachsen. Le Roys und Yus Arbeit hinterfragt Trennlinien zwischen menschlich / nicht-menschlich, Objekt / Subjekt, Transformation / Übergang / Modifikation. Während sie auf den ersten Blick als etwas von außen zu Betrachtendes wirkt, verwandelt sich die Choreografie über ihre dreitägige Dauer in eine Landschaft, in der sich die Besucher*innen und Beitragende befinden: eine Lebenssituation, ein Raum, in dem Wahrnehmung schneller als Handlungen sein kann, eine Situation, in der die Zeit vielleicht warten kann. Inmitten dieser Landschaft aus sich ständig formenden und auflösenden Konstellationen aus Beitragenden, Performer*innen und Publikum, aus klar erkennbaren und kaum auszumachenden Formen, finden Forschungsgespräche statt, die das Bedeutungsspektrum des Begriffs Lebensformen erkunden.

Choreografie basierend auf der Arbeit Temporary Title, 2015, Konzeption: Xavier Le Roy, künstlerische Mitarbeit: Scarlet Yu, mit Alexandre Achour, Jorge Alencar, Saša Asentić, Christian Bourigault, Sherwood Chen, Christine De Smedt, João dos Santos Martins, Ben Evans, Zeina Hanna, Alice Heyward, Becky Hilton, Hélène Iratchet, Neto Machado, Sabine Macher, Julia Rodriguez, Salka Ardal Rosengren