Do, 25. April 2019

Idealized Forms

Sophia Roosth mit Elizabeth A. Povinelli, Xavier Le Roy, Scarlet Yu und Performer*innen

Um durch wissenschaftliche Experimente Hypothesen aufstellen zu können, müssen Wissenschaftler*innen bestimmte Variablen, Unwägbarkeiten und fehlerhafte Herleitungen ausschließen. Aber welche Rolle spielt hier, was im Vorhinein als gültige Gesetzmäßigkeiten wissenschaftlicher Forschung festgelegt worden ist und was nicht? Das Gespräch erörtert den Einfluss etablierter Vorstellungen von Leben und Form auf Wissenspraktiken sowie ihre Wirkung auf gesellschaftliche Strukturen.

Die Anthropologin Elizabeth A. Povinelli geht anhand von aktuellen geopolitischen Landschaften den Vorstellungen von Inklusion und Exklusion auf den Grund. Wie werden diese durch das Verständnis von Leben, Lebendigem und Totem reguliert? Sophia Roosth untersucht aus wissenschaftshistorischer Perspektive, weshalb oft gerade die metaphysischen – idealisierten – Vorstellungen von Vitalität ausschlaggebend dafür sind, was sowohl in wissenschaftlichen als auch gesellschaftlichen Zusammenhängen als Leben gilt.

Durch die ständige Veränderung der Erde befindet sich der Mensch in einem ununterbrochenen Aushandlungsprozess über die Bedeutungen und Formen von Leben. Selbst für die Lebenswissenschaften hat in den immer neuen Interpretationen davon, was Leben sein könnte, ein Paradigma das andere abgelöst. Allein die Frage, wie das Leben überhaupt erforscht werden kann, hat sich wieder neu ausgerichtet. Die Wissenschaftshistorikerin Sophia Roosth zeigt in einem vierteiligen Gespräch mit weiteren Teilnehmer*innen auf, wie sich unterschiedliche Ansätze, Leben zu verstehen, auf die Formen auswirken, in denen es sich manifestiert.

Temporary Title, 2015, Carriageworks Sydney | © Peter Craig

Temporary Title, 2015, Carriageworks Sydney | © Peter Craig

Choreografie

Während Lebensformen organisieren die Choreograf*innen Xavier Le Roy und Scarlet Yu gemeinsam mit Performer*innen den Raum und das Geschehen und machen ihre Beziehungen zueinander sowie ihr Verhältnis zur Umgebung sichtbar. Die Gestalt der Welt wird im Zusammenspiel von Erdprozessen, menschlicher Kultur und den daraus hervorgehenden Technologien ausgehandelt: ein Spannungsverhältnis, aus dem verschiedenste, oft unwiderrufliche Veränderungen erwachsen. Le Roys und Yus Arbeit hinterfragt Trennlinien zwischen menschlich / nicht-menschlich, Objekt / Subjekt, Transformation / Übergang / Modifikation. Während sie auf den ersten Blick als etwas von außen zu Betrachtendes wirkt, verwandelt sich die Choreografie über ihre dreitägige Dauer in eine Landschaft, in der sich die Besucher*innen und Beitragende befinden: eine Lebenssituation, ein Raum, in dem Wahrnehmung schneller als Handlungen sein kann, eine Situation, in der die Zeit vielleicht warten kann. Inmitten dieser Landschaft aus sich ständig formenden und auflösenden Konstellationen aus Beitragenden, Performer*innen und Publikum, aus klar erkennbaren und kaum auszumachenden Formen, finden Forschungsgespräche statt, die das Bedeutungsspektrum des Begriffs Lebensformen erkunden.

Choreografie basierend auf der Arbeit Temporary Title, 2015, Konzeption: Xavier Le Roy, künstlerische Mitarbeit: Scarlet Yu, mit Alexandre Achour, Jorge Alencar, Saša Asentić, Christian Bourigault, Sherwood Chen, Christine De Smedt, João dos Santos Martins, Ben Evans, Zeina Hanna, Alice Heyward, Becky Hilton, Hélène Iratchet, Neto Machado, Sabine Macher, Julia Rodriguez, Salka Ardal Rosengren