Fr, 11. Januar 2019

The Three Tongues You Speak in Your Sleep

Giulia Bruno und Armin Linke, Gerichtshof der Europäischen Union, Dolmetscherkabine am „Europatag“, 2018 | © Giulia Bruno und Armin Linke, 2018

Giulia Bruno und Armin Linke, Gerichtshof der Europäischen Union, Dolmetscherkabine am „Europatag“, 2018 | © Giulia Bruno und Armin Linke, 2018

Welche sprachlichen Hegemonien dominieren die Welt des Digitalen? Ist sprachliche Vielfalt in einer global vernetzen Welt denkbar? Was passiert mit unübersetzbaren Gedanken und Positionen? Wie können sie aktiviert werden, um universalistische sprachliche Systeme aufzubrechen? Wie reagierten in der Vergangenheit Menschen auf ihnen neu verordnete Alphabete oder Nationalsprachen? Die meisten Bücher weltweit werden aus dem Englischen übersetzt; Englisch dominiert das Internet wie auch die Felder der zeitgenössischen Kunst und des internationalen Rechts. Am europäischen Gerichtshof hingegen wird internationales Recht in den 24 Sprachen der Mitgliedsstaaten von über zweitausend Übersetzer*innen verhandelt. Wie wird dieser Raum der Mehrsprachigkeit gestaltet? Aus der Perspektive der Vergleichenden Literaturwissenschaft, der historischen Philologie und der zeitgenössischen Kunst untersuchen vier Beiträge politische Verflechtungen des Übersetzens und sprachliche Versuche der Reparatur.

Programm

18-18.15h
LISTEN [Miyagi Haikus]
Sandeep Bhagwati (Komponist)
Präsentation

Sandeep Bhagwati stellt sein Kompositions- und Konzertprojekt LISTEN [Miyagi Haikus] vor, dessen Abschluss mit Konzerten und Lyrik-Lesungen den Freitagabend beschließt.

18.15-18.45h
„Untranslatables“ theoretisch fassen
Emily Apter (Literaturwissenschaftlerin)
Vortrag

„Untranslatables“ lassen sich dem lexicographic turn der Theorie zuordnen (der Beschäftigung mit Graphologie, Digitalität, Daten-Management, dem Wörterbuch und enzyklopädischen Erkenntnisobjekten). Als ortsungebundene, vielsprachige Konstrukte, als politische Philologien, die nationale Grenzen hinter sich lassen, sind „Untranslatables“ identifizierbar anhand ihrer Fehlübersetzung, ihrer Rückübersetzung, ihrer Nicht-Übersetzung, ihrer unverhandelbaren Alleinstellungsmerkmale, die dennoch verhandelt werden. Sich theoretisch mit „Untranslatables“ zu befassen, bedeutet, Spracheigentümlichkeiten und Ausdrucksweisen in der Philosophie in den Vordergrund zu rücken; es bedeutet zu untersuchen, inwiefern das Denken als Prozess und Praxis einem andauernden Übersetzungsvorgang unterworfen ist.

18.45-19.15h
Transliterative Tease
Slavs and Tatars (Künstlerkollektiv)
Lecture-Performance

Anhand phonetischer, semantischer und theologischer Bedeutungsverschiebungen untersucht Transliterative Tease das Potenzial der Transliteration – der Umwandlung von Schriften – als Strategie des Widerstands und zugleich der Erforschung von Begriffen wie Identitätspolitik, Kolonialismus und Glaube. Im Mittelpunkt der Lecture-Performance stehen die Turksprachen der ehemaligen Sowjetunion sowie die westlichen und östlichen Grenzen des Verbreitungsgebiets der Turksprachen beziehungsweise Anatolien und Xinjiang, die Heimat der uigurischen Bevölkerung Chinas. Diese Lecture-Performance versucht nicht, Völker oder Nationen zu emanzipieren, sondern die Klänge, die uns von der Zunge rollen.

19.15h-20h
Der Europäische Gerichtshof
Armin Linke (Fotograf und Filmemacher) und Giulia Bruno (Künstlerin), Vincenzo Latronico (Schriftsteller und Übersetzer)
Lecture-Performance, Film-Screening

Die beiden höchsten Wolkenkratzer des Landes Luxemburg sind formal der Sitz des Europäischen Gerichtshofs. Sie beherbergen jedoch weder die Richter noch ihre Kabinette, sondern die Büros der Übersetzungsabteilung. Mit über zweitausend Beschäftigten, die jede mögliche Kombination der 24 Amtssprachen der Union abdecken müssen, ist sie die größte Institution dieser Art weltweit. Mehrsprachigkeit wird als ein zentraler Wert in der Charta der Europäischen Union definiert. Anhand von dokumentarischem Filmmaterial aus den Verhandlungszimmern und Übersetzerkabinen des Europäischen Gerichtshofs zeigen der Filmemacher Armin Linke und die Künstlerin Giulia Bruno zusammen mit dem italienischen Schriftsteller und Übersetzer Vincenzo Latronico die unsichtbare Arbeit der Übersetzer*innen und Dolmetscher*innen, die Rechte, Freiheiten und Beschränkungen für Menschen und Unternehmen regelt und letztlich den gemeinsamen Markt und die politische Union ermöglicht.

20h-20.15
The Medium is the Message
Kader Attia (Künstler)
Präsentation

Kader Attia stellt seine Idee verschiedener Virtualitäten in seinem Filmprojekt The Medium is the Message vor und eröffnet Einblicke in sein Programm Countering the Virtual Dispossession, das er für den folgenden Tag konzipiert hat.

20.15–20.45h
Diskussion
Emily Apter, Kader Attia, Sandeep Bhagwati, Giulia Bruno & Armin Linke, Vincenzo Latronico, Slavs and Tatars, moderiert von Olga von Schubert