Fr, 11. Januar 2019

Der diskrete Charme des Alphabets

Schreibmaschine mit 4.000 chinesischen Schriftzeichen | © Scientific American

Schreibmaschine mit 4.000 chinesischen Schriftzeichen | © Scientific American

Alphabete als lautabbildende Zeichensysteme sind nicht der einzige Weg zur Verschriftlichung von Sprache. Die chinesische Schrift beruht beispielsweise auf Piktogrammen. Und doch prägen die diskreten – also klar unterscheidbaren – Zeichen der Alphabete alle modernen Wissenschaften: So sind sie Grundlage für den Binärcode und Algorithmen; die Biogenetik operiert mit einer Idee der DNA als Code. Sie versprechen Transparenz und Effizienz und erzeugen dabei neue Undurchschaubarkeiten und Kontrollverluste. Welches Wissen produzieren diese Alphabetisierungen? Was wird dabei verdrängt? Drei Vorträge und eine Performance hinterfragen das grenzenlose Vertrauen in Kodierungen, fordern ein neues Projekt digitaler Aufklärung, das historische Hintergründe erschließt, und versuchen, durch den Geschmack einer Hightech-Madeleine das Verdrängte wieder ins Bewusstsein zu holen.

Moderiert von Bernd Scherer (Intendant HKW)

Kuratiert von Bernd Scherer und Olga von Schubert

Programm

15-15.45h
Das Alphabet der Digitalisierung
Sybille Krämer (Philosophin)
Vortrag

Angesichts der zunehmenden Unsichtbarkeit der operationalen Vorgänge von Schrift in digitalen Technologien fordert Sybille Krämer eine neue digitale Aufklärung, die das Hantieren mit Buchstaben wieder ins Bewusstsein rückt: Alphabetschriften, so zeigt sie, sind nicht nur digitalisierbar, sondern selbst schon digitale Systeme. Ausgehend von den ersten historischen Erfindungen des binären Codes bei Raimundus Lullus und Gottfried Wilhelm Leibniz zeigt Krämer, dass die Algorithmen der Digitalität letztlich operative Nachkömmlinge alphanumerischer Einschreibungen sind und die Debatte über Algorithmen ohne ihr historisches Verständnis nicht auskommt.

15.45-16h
MEHL
Jonas Loh, Marian Kaiser und Claude Schötz
Performance

Aus Gesprächen mit Sybille Krämer und der fortlaufenden experimentellen Auseinandersetzung mit ihren Büchern – mittels fiktionaler Formen und verschiedener Medien – hat die Künstlergruppe MEHL einen wohlbekömmlichen, ziemlich indiskreten „Geist“ mit der DNA von Sybille Krämer als zentralem Bestandteil destilliert. Das Publikum erwartet eine Art High-Tech-Madeleine, streng nach dem deleuzianischen Diktum, dass die Sprechmaschine eine Essmaschine ist. Die Madeleine ermöglicht nicht-binäre Formen der Kommunikation und sucht dabei nach verdrängten Situationen und technologischen Wünschen im Unterbewusstsein der europäischen Mediengeschichte und -theorie. Dem Publikum wird ein Nachgeschmack davon während der folgenden drei Vorträge auf der Zunge bleiben. MEHL ist sowohl Künstlerkollektiv als auch Dinner Service und hat sich auf konkrete Fabulierungskunst und synthetische Theorie spezialisiert.

16–16.30h
Alphabete, Axiome, DNA: Über menschliches Wissen und den Mythos alphanumerischer Codierung
Giuseppe Longo (Epistemologe der Mathematik)
Vortrag

Klassische KI, genetisch manipulierte Organismen (GMOs), genozentrische Krebsforschung und Big Data bezeugen ein uneingeschränktes Vertrauen in Codierungen, verzerren zunehmend die Wissensstruktur und beeinflussen unser Leben. Gleichungen, wie sie Newton und Laplace niederschrieben, sollten komplette Modelle von allen Systemen der klassischen Physik liefern. Hilberts Axiomensysteme sollten, als endliche Buchstabenfolgen, eine vollständige, mechanische Ableitung aller relevanten mathematischen Ergebnisse ermöglichen. Die Entschlüsselung der DNA als vollständiger Informationsträger von Organismen und alphabetische Sequenz des „Buchs des Lebens“ sollte die Verschlüsselung eines Menschen „in eine CD“ ermöglichen, die man hervorholen kann, um zu sagen: „Hier ist ein Mensch, und das bin ich.“ Jedes Mal sollte eine alphabetische Schrift die komplette Vorhersage, Ableitung, Berechnung ergeben. Jedes Mal war dieser Anspruch falsch. Der Vortrag ruft wissenschaftliche Ergebnisse in Erinnerung, die diese kühnen, monomanischen Ansätze widerlegen, und argumentiert gegen die Transformation von Wissenschaft in eine kurzfristige Ware und von Wissen in kodierte Daten zur mechanischen Bearbeitung.

16.30–17h
Über die kosmotechnische Natur der Schrift
Yuk Hui (Technikphilosoph)
Vortrag

Die chinesische Piktogrammschrift setzt eine Wahrnehmung und Erfahrung der Welt voraus, die sich von der alphabetischen Phonogrammschrift unterscheidet. In seiner Theorie der „Technodiversität“ zeigt der ehemalige KI-Entwickler Yuk Hui, dass Leibniz’ universeller Versuch, die ganze Welt in einem binären System darzustellen, im Vergleich zu der chinesischen Kosmologie und Moral versagt, da er keine Möglichkeit bietet, Muster schriftlich abzubilden. In der chinesischen Denkweise spielen Muster eine wichtige Rolle, was die Kontinuität menschlicher Erfahrung im Allgemeinen und den Akt des Schreibens im Besonderen anbetrifft, der sich von einer allein auf unterschiedlichen Zeichen basierenden Kodierung unterscheidet. Yuk Hui schlägt daher vor, sich eine Vielfalt technologischer Entwicklungen vorzustellen, anstatt das Studium der Technik auf ein griechisches techne-Konzept oder eine moderne Technologie zu beschränken.

17–17.30h
Diskussion
Sybille Krämer, Yuk Hui, Giuseppe Longo und Marian Kaiser, moderiert von Bernd Scherer