Do, 10. Januar 2019

Von Zett bis Omega

„Begehbares Theater: Ein Babylon, dessen Turm nicht zerfällt, in Berlin“

Alexander Kluge | „Wenn ich Roboter wär ...“ (mit Helge Schneider), 2018 | © Kairos Film 2018

Alexander Kluge | „Wenn ich Roboter wär ...“ (mit Helge Schneider), 2018 | © Kairos Film 2018

Angesichts einer zunehmend digitalisierten Welt gestaltet Alexander Kluge einen Abend zu dem, was sich den alphabetischen, molekularen, algorithmischen Sichtweisen der Welt entgegenstellen lässt: Aus der Perspektive der Insel, des Zirkus, der Alchemistenküche nähern sich die Beiträge den Elementen des menschlichen Ausdrucks – denjenigen vor der Erfindung der Schrift, jenen der Schriftlichkeit und der Digitalität. Eine Art begehbares Theater im ganzen Haus bildet eine Wunderkammer des 21. Jahrhunderts: mit Minutenopern und Filmen, mit Buchstaben als Lebewesen, mit Musik, künstlerischen Interventionen und wissenschaftlichem Diskurs – ein Babylon, dessen Turm nicht zerfällt.

Moderiert von Alexander Kluge (Autor und Filmemacher), Bernd Scherer (Intendant HKW) und Julia Voss (Kunsthistorikerin)

Kuratiert von Alexander Kluge

Die Film- und Videoaufnahmeteams, geleitet von Thomas Willke, Walter Lenertz, Jakob Krebs und Philip Banse, nehmen fortlaufend die Ergebnisse der Podien und die begleitenden Workshops auf. Ziel ist es, die Ergebnisse der Diskussionen festzuhalten und zum Anlass für die Weiterarbeit im Rahmen des Gesamtprojekts zu machen.

Programm

16.30–17h Ausstellungshalle 1
Einführung
Bernd Scherer und Olga von Schubert
Grußwort: Rüdiger Kruse (Mitglied des Bundestages, CDU)

16.30–0h Foyer
Thomas Thiede und der Alphabet- Karren
Performance

16.30–0h Gesamtes Haus
Minutenopern
Schauspiel, Performances

Regie-Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ unter Leitung von Andrea Moses (Opern- und Schauspielregisseurin) sowie Schauspiel-Studierende der Universität der Künste Berlin unter der dramaturgischen Leitung von Marion Hirte.
Beitragende

17–18.30h Ausstellungshalle 1
Podium 1
Die Evolution in unserer Hand: Künstliche Intelligenz, die menschlichen Potenziale und die Zukunft
Steffi Czerny (Kuratorin DLD Media), Katja Gentinetta ( politische Philosophin), Andrej Heinke (Zukunftsforscher), Sybille Krämer (Philosophin), Jürgen Groß (Bereichsvorstand Konzernforschung Bosch), Max Senges (Technikphilosoph bei Google), Joseph Vogl (Philosoph und Literaturwissenschaftler), Moderation: Julia Voss (Kunsthistorikerin) und Alexander Kluge (Filmemacher und Autor)
Einführung und Gespräch

In unserer Gegenwart setzen sich die vernetzte Industrie und das digitale Zeitalter neben die Schriftlichkeit. Diese neue Epoche setzt evolutionäre und auch disruptive („revolutionäre“) Schübe in Gang, von denen einige schon nicht mehr zur Natur der Erde gehören, sondern eine zweite Natur entstehen lassen. Tradierte Wirklichkeit wird durch neue Wirklichkeit ersetzt oder überlagert. Ob wir die neue Zeichensetzung der Algorithmen, Datennetze und der künstlichen Intelligenz in ihrer ganzen Dimension verstehen, wissen wir nicht.

18.30–19.30h Auditorium
Der Roboter-Flüsterer
Helge Schneider (Musiker und Komiker)

19.30–21h Ausstellungshalle 1
Podium 2
Evolution und Sprache: Was sind die Alphabete der Intelligenz und wo geht die Intelligenz hin?
Lorraine Daston (Wissenschaftshistorikerin), Harald Haarmann (Sprach- und Kulturwissenschaftler), Ernst Kausen (Mathematiker und Sprachwissenschaftler), Johannes Krause (Archäogenetiker), Hermann Parzinger (Archäologe und Prähistoriker), Moderation: Julia Voss
Vorträge und Diskussion

Worauf können wir vertrauen? Die Frage steht am Anfang der klassischen Philosophie (und der Theologie). Man möchte spontan antworten: auf uns selbst. Aber was ist dieses Selbst? Wer oder was in unserer Welt ist Subjekt? Man muss weit ausgreifen und die Vorgeschichte des blauen Planeten einbeziehen, d. h. lange Zeiten in Betracht ziehen, um den Boden zu gewinnen, auf dem sich eine Orientierung im 21. Jahrhundert aufbauen lässt. Eine günstige Perspektive ist es, dass jede künstliche Intelligenz auf dem gleichen Acker des Lebendigen gewachsen ist, auf dem auch wir mit unserer körpergebundenen Intelligenz leben. Die Frage bleibt: „Wer ist Hase und wer ist Igel? Die Dinge oder wir?“

19.30–21h Vortragssaal
Podium 3
Die Buchstaben der Schöpfung
Beatrice Gründler (Arabistin), Nahed Samour (Islam- und Rechtswissenschaftlerin), Peter Schäfer (Judaist), Richard Sennett (Soziologe), Moderation: Christoph Markschies (Theologe und Kirchenhistoriker)
Gespräch

Buchstaben sind nichts Technisches. In vielen Kulturen sind Buchstaben zugleich Zahlen, in der Kabbala sind es Gotteszahlen. Beides, Zahlen und Buchstaben, sind Lebewesen. Das, was in Kindern oder Erwachsenen „lernt“, gehört zu den lebendigsten Eigenschaften und Konstellationen, die es im Menschen gibt.

18–19h & 21.30–23.30h Vortragssaal
Podium 4
Orientierung im 21. Jahrhundert, wenn die Alphabetisierung allein nicht ausreicht: Wir wissen, was wir nicht wissen / Nachrichten von der Narration
Philip Banse und Ulf Buermeyer (Podcaster), Ann Cotten (Schriftstellerin), Philipp Ekardt (Komparatist und Kunstwissenschaftler), Ben Lerner (Autor), Christoph Streckhardt (Geisteswissenschaftler), Rosemarie Tietze (Übersetzerin), Joseph Vogl (Philosoph und Literaturwissenschaftler), Moderation: Bernd Scherer

Der Lyriker Ben Lerner aus New York und die Lyrikerin Ann Cotten aus Wien sind Anwälte der „Rebellion der Wörter“. Es geht hier darum, ergänzend zu der Welt der Daten (also nackter Information) die Freiheiten der Narration einzubringen (subjektiv gesättigte Information). Dies ist eine authentische Aufgabe der Literatur. Es geht um „die poetische Kraft der Theorie“. Mit Lesungen, Filmeinspielungen und Debatten. Philip Banse und Ulf Buermeyer führen ihr Live Podcast-Projekt vor: Radio der Zukunft.

21.30–23h Ausstellungshalle 1
Podium 5
„Zur Gegenwart gehören alle Zeiten“: Mündlichkeit, Schriftlichkeit und die unverzichtbare Besonderheit aller Dinge und Menschen
Sybille Krämer (Philosophin), Christoph Menke (Philosoph), Hermann Parzinger (Archäologe und Prähistoriker), Richard Sennett (Soziologe), Joseph Vogl (Philosoph und Literaturwissenschaftler), Moderation: Julia Voss und Alexander Kluge
Gespräch

Schriftlichkeit begründet die Moderne. Sie ist Kernstück der Urbanität, der Grundbuchämter, der Buchhaltung, des politischen Gedächtnisses und der Wissenschaften. Die Mündlichkeit hat ihre eigenen Alphabete: in der Intimität, bei konkreter Arbeit, in den ersten Jahren des Lebens – hier wird nicht schriftlich (auch nicht digital) gelebt. Küsse brauchen keine Alphabete. Alles, was es an menschlichen Eigenschaften, ja überhaupt an Zeichensetzung gibt, die aus der Evolution stammt, ist eigensinnig und widerspenstig und für dauerhafte Unterwerfung unter fremde Herrschaft ungeeignet.

19.30–0h Auditorium
Im Labyrinth von Omega
Ann Cotten (Schriftstellerin), Hannelore Hoger (Schauspielerin), Ben Lerner (Autor), Sir Henry (Musiker), Lilith Stangenberg (Schauspielerin), Helge Schneider (Musiker und Komiker), Dirk von Lowtzow (Musiker) und Überraschungsgäste
Filme und Künstlerisches Programm

Lesungen, Musik und Ergebnisse des Tages