So, 27. Mai 2018

Jenny Nachtigall: Leben aus dem Takt

Ernst Bloch analysierte 1935 ein verbreitetes Gefühl falscher Zeitgenossenschaft als Ungleichzeitigkeit der Lebensformen, die die Gesellschaft der Weimarer Republik kennzeichne. Die Lebensphilosophie beschrieb er in diesem Zusammenhang als (koloniale) Pionier-Philosophie für den westeuropäischen „Dschungel“. Von unternehmerischem Elan getrieben, versteinere dieses Denken die Vorgeschichte zu einem leblosen ahistorischen Raum. In den folgenden Jahren eignete sich der Faschismus dieses Terrain des Unmenschlichen an. Jenny Nachtigall erkundet Unterschiede zwischen der faschistischen Beseitigung der Geschichte und des Subjekts als ihres Trägers einerseits, den gegenläufigen künstlerisch/theoretischen Angriffen auf Historismus und Anthropomorphismus andererseits. Davon ausgehend entwirft sie ambivalente Gestalten des Vitalismus in Krisenzeiten. Als historisches und politisches Register der Negativität setzt sie diese in Bezug zu Carl Einsteins a-subjektiver Lehre von den Gestaltwandlungen und einer „lebendigen Sterblichkeit“ in und jenseits der Kunst und diskutiert, was diese Sicht der Dinge heute noch zu bieten hat.

Jenny Nachtigall lehrt am Institut für Philosophie und Ästhetische Theorie der Akademie der Künste München. 2016 schloss sie ihr Studium mit der Dissertation Beyond Modernism. Form as Contradiction in Berlin Dada am University College London ab. Sie arbeitet derzeit zu den Nachleben des Vitalismus in moderner und zeitgenössischer Kunst und Theorie. Zuletzt erschienen: Realism after Fetishism (2018 hrsg. v. Veronika Thanner, Joseph Vogl, Dorothea Walzer) und Klassensprachen – Written Praxis, (2017, mit Manuela Ammer et al.). Sie schreibt u. a. für Texte zur Kunst und Artforum.

Teil der Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930