So, 27. Mai 2018

Tom Holert: Labyrinth und Flucht. Chronopolitik der Metamorphose

In der Pariser Zeitschrift Recherches philosophiques von 1935/1936 erschienen zwei Aufsätze von Georges Bataille und Émmanuel Lévinas über „das Labyrinth“ beziehungsweise „die Flucht“. Ansonsten ging es in dieser Sondernummer um „Meditationen über die Zeit“ mit Beiträgen zur Phänomenologie und Mythologie, darunter Jacques Lacans Rezension des Buchs Le temps vécu von Eugène Minkowski (1933). Tom Holert versteht diese Konstellation als eine – wenn auch implizite – Aufforderung, sich über Zeit in den Labyrinth- und Fluchtbewegungen der Kunst, Theorie und Wissenschaft der Zwischenkriegszeit Gedanken zu machen. Er bezieht sich dabei insbesondere auf das – prä- oder a-historische – Motiv der Metamorphose (einen Schlüsselbegriff auch im Denken von Carl Einstein) in einigen Malereien und Zeichnungen von Toyen, Ithell Colquhoun, André Masson, Paul Klee und anderen. Die Zeitlichkeit (und Chronopolitik) dieser Kunst, so seine Schlussfolgerung, prägte das Denken in binären Ordnungssystemen und hat bis in die Gegenwart Spuren hinterlassen.

Tom Holert arbeitet als Kunsthistoriker, Autor, Kurator und Künstler in Berlin. 2015 gründete er mit anderen das Harun Farocki Institut in Berlin. In den 1990er Jahren war er Redakteur von Texte zur Kunst und Mitherausgeber von Spex in Köln; seither Lehr- und Forschungstätigkeiten u. a. an der Merz Akademie in Stuttgart, an der ZHdK in Zürich, an der Akademie der bildenden Künste Wien, an der Freien Universität Berlin. Jüngere Buchveröffentlichungen: Marion von Osten. Once We Were Artists (2017, mit Maria Hlavajova), Troubling Research. Performing Knowledge in the Arts (2014, mit Johanna Schaffer et al.), Übergriffe. Zustände und Zuständigkeiten der Gegenwartskunst (2014).

Teil der Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930