So, 03. Juni 2018

Europa, ca. 1930: Die Krise (von allem)

Talk mit Katja Patzel-Mattern

Die Zeit zwischen den Weltkriegen erschien als eine Phase nicht enden wollender Krisen. Vieles schien die Wahrnehmung einer „besonderen Unruhe der Zeit“, von der André Breton 1926 sprach, zu bestätigen: Von der Fortsetzung der kolonialen Projekte der „Siegermächte“ über die beginnende Blockbildung bis zur Radikalisierung der politischen Landschaften auf nationaler Ebene war die Lage spannungsgeladen. Die globalen Krisen des Kapitalismus bedrohten Volkswirtschaften ebenso wie persönliche Existenzen. In einem Brief von 1931 beklagte Carl Einstein die Krise als Dauerzustand und übersah, dass das Jahrzehnt mit Hoffnungen begonnen hatte: Der Völkerbund versprach für Europa internationalen Ausgleich, die Zentralarbeitsgemeinschaft für Deutschland soziale Kompromisse.
Katja Patzel-Mattern entwirft das Panorama einer Zeit, in der Kulturkritik, politische Propaganda und Wissenschaft Problemlagen zu einer Krise der Moderne verdichteten. Sie zeigt, wie diese Wahrnehmung Reformen zunehmend sinnlos erscheinen ließ, den radikalen Bruch hingegen zukunftsweisend.

Katja Patzel-Mattern ist Wirtschafts- und Sozialhistorikerin an der Universität Heidelberg. Sie erforscht den gesellschaftlichen Umgang mit Krisen und Katastrophen seit dem 18. Jahrhundert ebenso wie die Gesellschaft der Weimarer Republik. Nach einem Studium in Münster und Barcelona hat sie zunächst beim Technoseum in Mannheim und beim Cusanuswerk in Bonn gearbeitet, bevor sie nach ihrer Habilitation in Konstanz im Jahr 2007 nach Heidelberg wechselte. In ihren jüngeren Schriften diskutiert sie historische Krisenkommunikation nach Industrieunfällen und weibliche Erwerbsarbeit im Kontext gesellschaftlicher Erwartungen.