So, 13. Mai 2018

Wieder kindisch – Anachronismus und Kindheit in der Moderne

Talk mit Barbara Wittmann

„The child is vastly more ancient than the man.“, behauptete der US-amerikanische Kinderforscher Stanley Hall im frühen 20. Jahrhundert. Seit der Pädagogik der Aufklärung wurden Kindheit und Urgeschichte miteinander identifiziert, Kinderpsychologie und die Psychoanalyse betrachteten die Kindheit als eine unverfügbare Epoche. Laut Psychologie, Anthropologie, Philosophie und Kunst lebten Kinder seit 1900 buchstäblich in einer anderen Zeit als die Erwachsenen ihrer Gegenwart und Kultur. Die Erfahrung der Diskontinuität zwischen Kindheit und Erwachsenenleben machte das Kind als Figur des Primitivismus verfügbar – und sie bewirkte eine Dynamisierung des Prähistorischen. Im Zuge des Erwachsenwerdens bilden Europäer*innen nun ihre jeweils eigene und historisch spezifische Urgeschichte. Barbara Wittmann geht in ihrem Vortrag der Entwicklung und Etablierung dieser Denkfigur nach und fragt nach der Bedeutung für die Bildende Kunst – insbesondere für das Werk Paul Klees.

Barbara Wittmann ist Professorin für Kunstwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte in Wien und Berlin hat sie am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, am Deutschen Kunsthistorischen Institut in Florenz, an der Bauhaus-Universität Weimar, an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt am Main gearbeitet und gelehrt. Sie forscht zu den Bildkünsten des 18. bis 21. Jahrhunderts, zur Geschichte der wissenschaftlichen und künstlerischen Zeichnung sowie der Kinderzeichnung. Im Herbst 2018 erscheint ihr Buch Bedeutungsvolle Kritzeleien. Eine Kultur- und Wissensgeschichte der Kinderzeichnung, 1500-1950.