Fr, 16. März 2018

Klasse und Klassenpolitik neu denken

Mit Verónica Gago, Kelly Gillespie, Raquel Gutiérrez Aguilar, Wang Hui, Sandro Mezzadra, Antonio Negri

Bild: auf Grundlage der Arbeit Impossible triangle, 1934 mit freundlicher Genehmigung © Oscar Reutersvärd / VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Design: NODE Berlin Oslo, Detail

Bild: auf Grundlage der Arbeit Impossible triangle, 1934 mit freundlicher Genehmigung © Oscar Reutersvärd / VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Design: NODE Berlin Oslo, Detail

Klasse ist nicht dasselbe wie Klassenpolitik. Die Frage ist, wann und unter welchen Umständen eine solche Klassenpolitik ihre Wirkung entfalten kann. Sie lässt sich nicht einfach nur in Abhängigkeit von einschlägigen Organisationen (Parteien, Gewerkschaften) denken, die eine bestimmte Klassenidentität stiften können. Die wichtigsten Momente der Klassenpolitik entstehen heute durch autonome Praxen, die auch für Organisationen der Arbeiterbewegung eine Herausforderung darstellen. Diese Praktiken verwischen die Grenze zwischen Körper und Territorium, Gesetz und Gewalt, Leben und Arbeit. Neue feministische Bewegungen in Lateinamerika und anderswo, Black Lives Matter in den USA, #feesmustfall und #Rhodesmustfall in Südafrika, aber auch die Selbstorganisation der Migrant*innen in und um Europa sind Beispiele neuer sozialer Bewegungen. Sie verweisen auf Elemente einer „Bürgerkriegs“-Logik zwischen Arbeit und Kapital, die in das Gefüge gesellschaftlicher Kooperation eindringt. Zugleich erlauben sie, Klasse in engerer Verbindung mit Rassismus, Geschlechterverhältnissen und Nationalismus zu denken, und werfen damit wichtige Fragen für das Verhältnis des Klassenbegriffs zu Vorstellungen von „Differenz“ auf.

In einer Reihe von Gesprächen mit der Anthropologin Kelly Gillespie, der Soziologin und Aktivistin Raquel Gutiérrez Aguilar, dem Historiker und Literaturwissenschaftler Wang Hui und dem politischen Philosophen Antonio Negri befragen die Sozialwissenschaftlerin Verónica Gago und der Politologe Sandro Mezzadra verschiedene Themenkomplexe. Ausgangspunkt ist jeweils der Begriff der Klasse in seinem Verhältnis zu den Kategorien „Rasse“, „Gender“ und „Nation“.

Teil 1
Die situierte Erfahrung
Ausgehend von ihrer je spezifisch verorteten Erfahrung fragen die Teilnehmer*innen, ob und wie sie Klasse als operative Kategorie in der eigenen politischen und theoretischen Praxis erlebt haben. Welche anderen Vokabularien und Konzepte muss man hinzuziehen, wenn man den Begriff der Klasse neu fassen und sich gegen etablierte Formen von Klassenpolitik wenden will?

Teil 2
„Differenz“ und Einheit der Klasse
Lange wurde Differenz als gegenläufig zu politischen Bestrebungen von Klassenpolitiken wahrgenommen, galt doch Einheit als ihr zentrales Ziel. Lässt sich sagen, dass soziale Bewegungen und Kämpfe in jüngerer Zeit zu einer produktiven Wendung des angenommenen Gegensatzes zwischen „Differenz“ und „Einheit“ beigetragen haben? Wie können wir uns gegen den Einsatz von Differenz als Instrument der Spaltung und Fragmentierung wenden, ohne dabei von einem bereits konstituierten, homogenen Subjekt auszugehen?

Teil 3
Einheit und revolutionäre Politik
Wie lässt sich die Idee der Einheit neu konzipieren angesichts der Vervielfachung und Ausbreitung von sozialen Kämpfen, die sich gegen spezifische Formen der Ausbeutung und Herrschaft wenden? Tragen Konzepte wie Solidarität, Transversalität und Intersektionalität zu einer produktiven Öffnung der Debatte bei? Klassenpolitik ist revolutionäre Politik: Ist es möglich oder gar notwendig, die Grundidee der Revolution aus den Bewegungen und Kämpfen selbst heraus neu zu denken?

Programm in Zusammenarbeit mit Verónica Gago und Sandro Mezzadra.

Kurzbiografien: Verónica Gago, Kelly Gillespie, Raquel Gutiérrez Aguilar, Wang Hui, Sandro Mezzadra, Antonio Negri