Do, 30. November 2017

Switches

© Gerald Nestler | New York hedge fund office, Detail, 2015

© Gerald Nestler | New York hedge fund office, Detail, 2015

Die Entfesselung der Technosphäre ist vor allem das Werk zahlloser kleinster Switches. Das Schalten zwischen zwei elementaren Speicherzuständen – 0 und 1 – wird um 1948 einerseits durch Claude Shannons Informationstheorie mathematisch fundiert und andererseits durch den ersten massentauglichen Transistor unendlich vervielfältigbar. Erst infolge dieser Entwicklung wird das Digitale zu jener grundlegenden Kulturtechnik, als die es uns in einer von Schaltkreisen gesättigten Gegenwart gegenübertritt. Diagnostische und spekulative Beiträge aus Theorie, Kunst und Synthese oszillieren in schnellem Wechsel um das Bit als Steuerungseinheit und Taktgeber eines neuen Koordinationsverhältnisses von Raum und Zeit, von Evolution und Kontrollverlust. Das Ergebnis ist eine diskursive Installation, die in strenger Taktung zwischen den Beitragenden hin- und herschaltet.

Programm in Zusammenarbeit mit Gerald Nestler

19h
Johnny Golding
Invocation 1: Friendship [in/at/of/by the Technosphere (1948)
Johnny Golding eröffnet das Programm mit einem Blick auf die Technosphäre als entfesselte Begegnung, die außergewöhnliches, mutiges, geteiltes Wissen hervorbringt: eine suspendierte Vitalität des Andersseins, ohne den Rückgriff auf altmodische Konzepte von Herrschaft und Autorität oder den Verweis auf die binäre Spaltung zwischen dem Selbst und dem Anderen.

19.15h
Alexander R. Galloway, Julian Oliver, Orit Halpern
Run 1: From One to Two
1948 war ein Speicherbaustein ein Bit, ein Bit war ein Pixel, ein Pixel war ein Punkt, ein Punkt war ein Tastendruck. In seiner Eröffnung rekonstruiert Alexander R. Galloway ein Bild von 1948 als Jahr voller Experimente und neuer Technologien. Er diskutiert die Bedeutung der Diskretisierung in Gesellschaft, Kultur und Technik, wie also das Eine zu Zweien wurde, sowohl konzeptionell wie materiell. Julian Oliver untersucht mit einem Mikroskop die Hardware-Oberfläche eines Mikroprozessors. Den kleinsten Schaltungen folgend führt er durch den Monolog einer UNIX-Befehlszeile, entnommen aus Live-Interaktionen mit fernen Maschinen, in denen es um Landschaft, Krieg und Computernetze geht. Angesichts des Eindringens der „Switches“, der Schaltlogik, in unsere Geräte, Städte, Politik und Gehirne reflektiert Orit Halpern den Drang, alles „smart“ zu gestalten. Von Objekten zu Prozessen, von Vernunft zur Rationalität, vom Raum zum Territorium, von der Geschichte zur Prävention, von der Umwelt zur Ökologie: Was wird gerade jetzt und hier geschaltet?

19.45h
Anna Echterhölter, Morehshin Allahyari, Sarah Sharma
Run 2: Coordinating Time and Space
Im späten 19. Jahrhundert erzwang die Kolonialregierung in Deutsch-Neuguinea neue Maße und Währungen, um eine Gesellschaft zu koordinieren, die sie als unkoordiniert ansah. Anna Echterhölter betrachtet die Folgen dieser Nötigung und weist nach, wie machtvoll Normen und raumzeitliche Logistiken auf gesellschaftliche Strukturen wirken. Die Mythologie stellt eine eigene Macht dar. Auch sie koordiniert die Strukturen von Vergangenheit und Zukunft. In der Auseinandersetzung mit den sozialen und ökologischen Ungerechtigkeiten der heutigen Zeit erzählt Morehshin Allahyari die Geschichte von Huma, einer weiblichen Djinn aus dem Nahen Osten, um auf poetische Weise für den Bau einer anderen Zukunft zu werben. Sarah Sharma betrachtet diese Mythen, technischen Standards und Apparate als unterschiedliche Arten der Koordination, erörtert ihre Skalierung und beschreibt, wie sie in den konkreten Medien und sozialen Räumen des Alltags verhandelt werden.

20.15h
Sophia Roosth, Thomas Feuerstein unter Beteiligung von Marian Kaiser, Marie-Luise Angerer
Run 3: Cybernetic Life
1948 war ein annus mirabilis für das Konzept des Lebendigen, da es gleichzeitig von Informationstheorie und Kybernetik beeinflusst wurde. Sophia Roosth untersucht, wie Kybernetik und Informationstheorie die Biowissenschaften verändert haben. Sie folgt einer informationstechnischen Analogie, die die Molekularbiologie als reines Kodierungsproblem betrachtet, und reflektiert aktuelle Entwicklungen in synthetischer Biologie, Systembiologie und Bioinformatik. Thomas Feuerstein nimmt eine metaphysische Perspektive ein und erörtert die Wiederbelebung einer antiken Lebensform: der des Dämons. Die heutigen Dämonen sind technischer Art. Aus der Welt der Mythen und Magie siedelten sie ins Innere der Apparate und Netzwerke über, wo sie sich Energie und Vitalität aneignen und sie zugleich verteilen. Donna Haraways Cyborg-Manifest von 1984 als früher Ansatz für ein hybrides Natur-Medien-Denken ist Ausgangspunkt für Marie-Luise Angerers These, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und anderen Lebewesen heute die Unterschiede zwischen ihnen aufwiegen – eine Einsicht, die ebenso Gültigkeit für den dämonischen Algorithmus hat wie für den Körper, der als Prozessor fungiert und Information verarbeitet.

20.45h
Elie Ayache
Invocation 2: From the Bit to the Pit
0 und 1 sind nicht alleine, denn es gibt eine Münze. Wirft man eine Münze, wirft man sie unendlich oft. So erkauft man sich mit einem Bit die Kardinalität des Kontinuums. Wenn Elie Ayache seine spekulative „Invocation“ der Börse und den Theorien des Derivatehandels widmet, dann spekuliert er über die Spekulation. Dabei macht er deutlich, dass der Zufallsweg, den die Information bei der Preisbildung auf den Wertpapiermärkten nimmt, unvermeidlich in ein Kontinuum mündet. Ist Information also mehr als nur Information?

21h
Giuseppe Longo, Gerald Nestler, Felix Stalder
Run 4 – Bound by Contingency
Seit 1948 wurden rechnergestützte Methoden für die Modellierung evolutionärer Systeme entwickelt, die eine machtvolle Behandlung zufälliger Prozesse möglich machten. Ist Zufälligkeit der Natur inhärent? Gibt es Zufälligkeit in der Datenverarbeitung? Giuseppe Longo vergleicht die funktionale Variation in der Biologie mit den wilden Schwankungen der Börse anhand verschiedener Formen und Metriken von Stabilität und Instabilität in evolutionären und künstlich hergestellten Systemen. Gerald Nestler beschäftigt sich genauer mit der Profitgenerierung durch Volatilität, mit ihremPotenzial – und der Notwendigkeit, auf eine von Kontingenz angetriebene Welt eingestellt zu sein. Felix Stalder thematisiert, wie hier Reibungen und Feedbacks auf politische und soziale Fragen einwirken, die sich im Umfeld der technosphärischen Menagerie stellen.

21.45h
Ubermorgen.com
Invocation 3: The Universe since 1948: Theoretical Art and Binary Primitivism
Ubermorgen kombinieren ihr 1984er Schlüsselwerk Theoretical Art mit aktuellen Entwicklungen des Kunstmarkts, dem radikalen Wandel in der Wahrnehmung von Transhumanismus und Singularität und ihrer jüngsten These vom binären Primitivismus – die sich mit den Psychopathologien der Manosphäre im Silicon Valley beschäftigt, mit Heraldik und Hypno-Porn – und binden sie so ein in die frenetischen, vielfältigen Texturen der Technosphäre.

22.15h
Diskussion mit allen Teilnehmenden und dem Publikum
Moderiert von Marie-Luise Angerer und Gerald Nestler

Informationen zu den Beitragenden