Sa, 16. September 2017

Lebendige Spuren

Mit Adel Abidin, Gülnur Ekşi, Violet Grigoryan, Musa paradisiaca und Muhannad Shono

Jetzt spricht die Bahn selbst aus ihrem Blickwinkel: Sie gibt Geheimnisse preis, die sich über und unter ihren Gleisen auftun. Pflanzen, die einst dort wuchsen, sind verschwunden oder existieren nur noch fern ihrer ursprünglichen Heimat. Goldsäcke wurden unter den Schienen vergraben. Noch lebt die Hoffnung am nie erreichten Ziel der Reise. Manchmal erscheinen die Umrisse von Frauen auf den Bahnsteigen – während die Männer zu Maschinen wurden.


Adel Abidin
Parallel Reality
Lecture Performance

Viele Jordanier*innen halten an der Legende fest, dass osmanische Soldaten auf der Flucht vor den Wirren der Arabischen Revolte von 1916 Goldmünzen entlang der Hedjaz-Bahn vergruben. Und angeblich markierten sie die Verstecke, um die Münzen später leichter wiederzufinden. Diese Geschichte– und die damit verbundene Hoffnung, Goldmünzen zu entdecken – wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Und so machten sich in den letzten Jahrzehnten viele auf, um das Gold zu bergen. In einigen Fällen hat die Schatzsuche sogar zur Zerstörung archäologischer Relikte geführt. Parallel Reality thematisiert den Mythos des Goldes entlang der Schienen und bringt all das zum Vorschein, was sich unterhalb der vielen Schichten der Legende über die Jahre angesammelt hat.


Gülnur Ekşi
The Effects of the Berlin-Baghdad Railway on the Vegetation in Anatolia
Vortrag und Präsentation

Die Berlin-Bagdad-Bahn hinterließ deutliche ökonomische, soziale, kulturelle, politische und ökologische Spuren in den Gegenden, durch die sie verlaufen sollte. Der Bau der Eisenbahn führte zum Verschwinden typischer Pflanzenarten einerseits, zur Entstehung von Hybriden durch genetische Kreuzung andererseits. Einen entscheidenden Einfluss auf die Veränderung der Vegetation verursachten die Herbizide, die während der Bauarbeiten zum Einsatz kamen, der Bergbau, das Abholzen von Bäumen sowie Pflanzensaat, die unterwegs verloren ging. Die Spuren der Berlin-Bagdad-Bahn offenbaren sich in der botanischen Betrachtung eines fünf Kilometer langen Teilstücks der Strecke zwischen Istanbul und Ankara.


Muhannad Shono
Zomë Zomë
Animationsfilm, 20 Min., 2017

Mit modernen Mythen und neuen Motiven kehrt der Animationsfilm Zomë Zomë zurück an die Zamzam-Quelle in Hedjaz: den Ort, an dem ein religiöser Glaube entstand und die Moderne in der Begegnung von Mensch und Maschine ihren Anfang nahm. Sein Sujet ist das Wasser, das von vielen als Symbol der Spiritualität gesehen wird, und die Metamorphose vom flüssigen zum festen Zustand, der Wandel vom Nichtgreifbaren zum Materiellen, vom Versteckten zum Exponierten. Der Name der Quelle geht zurück auf die Aufforderung Zomë Zomë, was so viel heißt wie „Hör auf zu fließen“. Hagar, Abrahams zweite Frau, sprach diesen Befehl mehrfach aus im Versuch, die Wasser der Zamzan-Quelle zu bändigen. Was einst aus der Quelle floss und nicht eingedämmt werden konnte, zieht heute die Aufmerksamkeit von Millionen auf sich: Rituale und Pilgerströme, neue Systeme und Glaubensströme tun sich auf. Heute ist es ein Loch, dessen Sog man sich nicht entziehen kann.


Violet Grigoryan
Two Women
Lesung, Armenisch & Englisch

Wie kann Kunst über Katastrophen sprechen? Und wie würde es sich mit den Worten und in der Stimme einer Frau anhören? Wie stellen sich armenische Autor*innen – Überlebende des Genozids oder Nachkommen der Opfer – dem Dilemma? Manche versuchen, das entsetzliche Bild der Gewalt zu zeichnen. Andere – die Angehörigen der ersten Generation Überlebender – schweigen. Sie wollen vergessen, leugnen ihre Identität, passen ihre Namen an. Diejenigen, die sprechen, beschwören dagegen die Dämonen der Erinnerung herauf.
So entsteht ein verstörendes Bild: Zwei Frauen stehen am Ufer der Flüsse Lethe und Mnemosyne. Die eine lässt sich im Fluss des Vergessens treiben, bis sie den Punkt erreicht, an dem es keine Rückkehr mehr gibt. Die andere erfindet sich immer wieder neu. Zwei Frauen am Bahnhof: Die eine flieht vor sich selbst. Sie nimmt den Zug. Die andere wartet auf dem Bahnsteig. In alle Ewigkeit. Beiden ist der Zug eine Zeitmaschine, die auf die Zukunft oder die Vergangenheit zurast.


Musa paradisiaca
The Intimate Knowledge of Things
Filme und Vortrag

Eine Serie audiovisueller Arbeiten zu den Themen Geschwindigkeit, Transmutation und Mensch-Maschinen-Technologie – zusammengeführt in einem Gemeinschaftsprojekt, das die Unpersönlichkeit des Denkens in unterschiedlicher Perspektive nachzeichnet: Ecstasy and Eden ist eine filmische Analogie, in der die Ekstase eines mechanischen Körpers in einen Traumzustand driftet, in dem Pflanzen zu Maschinen werden. Zwischen Schönheit und „Genitalien“ werden die Betrachter*innen zurückgeführt in die Realität, in eine Welt des Dampfes, der Traktion und der sich verlangsamenden Bewegung. Francisco and Farcot entsteht als Multimedia-Session aus einem Monolog eines Dampfmaschinenführers und seiner Liebe zu unbelebten Wesen. Masters of Velocity erkundet die Beziehung zwischen Objekt und Umwelt, die Idee der fließenden Körper der Verfahrenstechnik, der Geschwindigkeit. Wir versetzen uns in den Kopf des Piloten und reflektieren die Gegenseitigkeit des Begehrens: „Der Pilot möchte ein Flugzeug sein, das Flugzeug sehnt sich nach dem Tausch mit der Erde...“.

Teil von After the Wildly Improbable kuratiert von Adania Shibli