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Fr, 15. September 2017

Züge von früher, Gleise von heute

Mit Priya Basil & Sinan Antoon, Zeynep Çelik, Rania Stephan und Salim Tamari

Das Schienennetz des Osmanischen Reichs, zu seiner Zeit Manifestation von Moderne, Kapitalismus und imperialer Gesinnung, lebt auf eigene Art bis heute fort. Zwar haben in weiten Teilen des Libanon, Palästinas und Syriens materieller Verfall, Vegetation und Siedlungsbau seine Spuren verwischt – anderswo fiel es dem kollektiven Vergessen anheim; wenig materielle Evidenz ist erhalten. Doch bleibt es präsent: in Filmen, Liedern, Hochzeitsgesängen und literarischen Texten.


Rania Stephan
Train-Trains: A Bypass
Film, ca. 30 Min., OmeU, 2017

Eine Reise auf den Spuren der alten Eisenbahn, die den Libanon mit Palästina verbindet: Die Küstenlinie fungierte einst als Verlängerung des sogenannten Orient-Expresses und der Bahnlinien in Ägypten, bevor sie schließlich eingestellt wurde. Train-Trains: A Bypass basiert auf Fotografien, die Rania Stephan 1999 als ihre persönliche Sicht auf den Nachkriegslibanon machte. Sie konzentrierte sich damals auf die ländliche Bevölkerung in der Nähe der verlassenen Bahnhöfe. Durch die Einbettung der Polaroid-Aufnahmen in bewegte Bilder verweist der Film auf die Mechanismen der Erinnerung und wird damit selbst zur Frage danach, was zwischen damals und jetzt geschehen ist.


Zeynep Çelik
The Hijaz Railway: Empire and Modernity
Vortrag

Den zentralistischen Reformen des 19. Jahrhunderts entsprechend, die das Verwaltungssystem des Osmanischen Reichs neu ordneten, sollte die Hedjaz-Bahn die arabischen Provinzen miteinander und mit Istanbul verbinden. Das Eisenbahnprojekt war eng mit der panislamischen Politik von Sultan Abdul Hamid II. verknüpft, der sich der östlichen Mittelmeerregion zuwandte, um sein Imperium auf der Basis des Kalifats zu erneuern. Im Dienst einer in der Religion gründenden Ideologie, verbunden mit innovativer Technik, verkörperte die Hedjaz-Bahn eine ganz eigene Moderne. Zeynep Çelik diskutiert Grundidee und Realisierung des Eisenbahnprojekts mit besonderem Augenmerk auf die Umsetzung seitens der lokalen Behörden, die nicht immer der imperialen Agenda entsprach. Außerdem thematisiert sie die Hedjaz-Bahn im weiteren Kontext des Imperialismus und Kapitalismus zur Jahrhundertwende.


Salim Tamari
Could the Archives Lie? The Disappeared Train
Vortrag

Eine Nebenlinie der Hedjaz-Bahn führte einst von Jerusalem zum palästinensischen Distrikt Ramallah-al Bireh. Im Krieg war sie eine wichtige Verbindung zur palästinensischen Front und diente dem Transport von Soldaten und Ausrüstung. Über diese Strecke gibt es heute jedoch keinerlei historische Evidenz mehr. Dass sie einst existierte, lässt sich nur noch durch Hochzeitsgesänge belegen, die den „Bireh Babor“ feiern. Sie sind Indizien angesichts des kollektiven Leugnens. Wie aber kann ein ganzer Abschnitt einer Bahnverbindung verschwinden, ohne Spuren in den Archiven zu hinterlassen? Auf der Suche nach der verlorenen Bahn nutzt dieser Vortrag unter anderem Luftaufnahmen aus dem Bayrischen Staatsarchiv, private Korrespondenzen und bekannte Erzählungen.


Priya Basil & Sinan Antoon
Steel that Bites the Earth: The Logic of the Track
Literarische Lesung

Die Gegenstände erzählen viele Geschichten, doch die Menschen hören nicht zu ... Es ist unmöglich, nur einem Gleis zu folgen: Unweigerlich wird man fortgezogen, angelockt von anderen Gedankenzügen, anderen Kräften. Eine Vielzahl von Gleisen führt in verschiedene Richtungen. Sie verlaufen entgegengesetzt, parallel, kreuzen sich, vereinigen sich, verschwinden. Weder beginnen noch enden sie dort, wo man es vermutet. Dies ist ein Versuch auf die Gleise zu hören, die ihre Geschichten erzählen, und ihre Wege nachzuzeichnen: die Wege aus dem Inneren der Erde an die Oberfläche und die Formen, in die sie gezwungen wurden. Das, was die Gleise sehen und hören.

Teil von After the Wildly Improbable kuratiert von Adania Shibli