Sa, 08. Juli 2017

Bodies of Fact: Das Archiv als Zeuge und Stimme

Mit Filipa César, Grada Kilomba, Diana McCarty und Krista Belle Stewart, Moderation: Denise Ryner

Krista Belle Stewart, Seraphine, Seraphine, digital video still, September 17, 1967. Image courtesy the artist.

Krista Belle Stewart, Seraphine, Seraphine, digital video still, September 17, 1967. Image courtesy the artist.

Das Archiv als Ordnungsverfahren teilt gesellschaftliche Positionen zu und festigt sie. In den gezeigten filmischen Arbeiten deuten Filipa César, Grada Kilomba, Diana McCarty und Krista Belle Stewart dokumentarische Bewegtbilder von Kolonialismus und Entkolonialisierung um. Statt als politische und kulturelle Fakten lesen sie diese neu als private Zeugnisse und verkörpertes Gedächtnis.

Die Künstlerinnen entgegnen in ihren aktuellen Arbeiten der Tendenz zur Historisierung von Archivmaterialien. Mit der Kuratorin Denise Ryner sprechen sie über ihre Auseinandersetzung mit dem materiellen und ästhetischen Erbe von Kolonialismus und Entkolonialisierung. Lassen sich dokumentarische Bilder ihrer ursprünglich ethnografischen Zwecke, ihrer Funktion der kulturellen Regulierung oder Konstitution von Nationalerzählungen entfremden?

In dem Film Conakry (2013) überlagert die Künstlerin Filipa César Aufnahmen aus dem Filmarchiv der Unabhängigkeitsbewegung Guinea-Bissaus von 1972 mit den Reflektionen der Künstlerin Grada Kilomba und der Radio-Aktivistin Diana McCarty, die diese Bilder und ihre Geschichte hinterfragen und mit ihren eigenen Erinnerungen verknüpfen. So entsteht eine Reise durch Zeit, Raum und Medien. Der 16-mm-Film entstand in einer einzigen Einstellung am Haus der Kulturen der Welt.

In Seraphine, Seraphine (2015) montiert Krista Belle Stewart dokumentarisches Filmmaterial ihrer Mutter Seraphine zu Momenten eines Lebens zwischen privater Erinnerung und öffentlicher Anhörung: Ausschnitte eines Doku-Dramas von 1967 zeigen die Mutter als erste indigene Krankenpflegerin in der staatlichen Gesundheitsvorsorge Kanadas. Aufnahmen von 2013 dokumentieren ihre Aussage als Überlebende vor der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, die die systematische Unterdrückung und den kulturellen Genozid an der indigenen Bevölkerung durch das staatliche Schulsystem untersuchte.

Filipa César arbeitet als Filmemacherin und Künstlerin an den durchlässigen Grenzen zwischen dem Bewegtbild und den Sphären seiner Rezeption, zwischen Fiktion und Dokumentation sowie den wirtschaftlichen, politischen und poetischen Dimensionen des Filmschaffens. Ihre fortlaufende Arbeit mit Bildarchiven und kritischem Film in Guinea-Bissau mündete zuletzt in Spell Reel (2017), einer Zusammenarbeit mit dem Guineischen Filmemacher Sana na N'Hada, die im selben Jahr im Forum-Programm der Berlinale gezeigt wurde. César stammt aus Porto (Portugal) und lebt zurzeit in Berlin.

Grada Kilomba, portugiesische Autorin und interdisziplinäre Künstlerin, beschäftigt sich mit den Themen Erinnerung, Trauma, Rassismus, Geschlecht und Postkolonialismus. Sie hat ihre Arbeiten international gezeigt, unter anderem bei der documenta 14, der 32a Bienal de São Paulo 2016, der Art Basel 2016, der Cape Town Art Fair, der transmediale, und an der Wiener Secession. In ihrer Arbeit adressiert Kilomba über die Erforschung neuer Formate die „koloniale Wunde“, um Wissen und Geschichte(n) zu dekolonialisieren. Kilomba lebt in Berlin.

Diana McCarty lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Mitbegründerin des bekannten freien Künstlerradios reboot.fm/88.4 FM, von kotti.fm, von radia.fm, einem Netzwerk von Kulturradios, und von faces-l, einer internationalen Community für Frauen in den Medien. Mit nettime, metaforum and hackerspaces war sie schon in der frühen Netzkultur aktiv. Sie ko-initiierte die HKW-Ausstellung Nervöse Systeme. Quantifiziertes Leben und die soziale Frage (2016) und arbeitete mit Filipa César und Grada Kilomba an dem Kurzfilm Conakry (2013), Teil des fortlaufenden Projekts Luta ca caba inda.

Krista Belle Stewart arbeitet mit der Vielschichtigkeit von Archivmaterial und nutzt Prozesse, die Intimität und Zufall ebenso zulassen wie das Aufeinandertreffen von Personen aus unterschiedlichen Zeiten. Ausgehend von Video, Fotografie, Design, Gebrauchsgrafik und Textilien bewältigt sie den Spagat zwischen persönlichen und institutionellen Geschichten, indem sie vermittelt und Transparenz schafft. Ihre Arbeit wurde in Kanada und den USA ausgestellt. Sie lebt in Vancouver, Kanada, auf dem nie offiziell abgetreten Gebiet der Musqueam-, Squamish- und Tsleil-Waututh-First Nations.

Unterstützt von dem British Columbia Arts Council, dem Canada Council for the Arts und der Botschaft von Kanada.