Fr, 21. April 2017

Yongwoo Lee: Taxidermy of Time: Tigers as Chronotope of Continual Coloniality in Korea

Die Darstellung von Tieren und der Begriff des "Tierischen" folgte den Stadien des kollektiven Gedächtnisses im Zuge der koreanischen Modernisierung von der Zeit der japanischen Kolonialisierung über den Koreakrieg bis zum Antikommunismus und Proamerikanismus und dem koreanischen Vietnamkrieg in der Ära des Kalten Krieges.

So gesehen wirft das Problem der Darstellung nichtmenschlicher und animistischer Wesenheiten im postkolonialen Korea wichtige Fragen zur Ausbildung der kolonialen Moderne auf. Das lässt sich bis auf die Phase der japanischen Besatzung zurückführen und setzte sich während der Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Biopolitik, in aggressiven Rassenklischees und ethnisierten Kulturdiskursen fort. Und doch ist diese epistemologische Dichotomie auch heute noch tief als Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in das kollektive Gedächtnis der Koreaner eingebettet. Ausgehend von einer Übersicht der theoretischen und praktischen Analysen zum Thema Mensch-Tier, zu Diskursen des Tierhaften, zum Bild des Tigers als Infragestellung des Verhältnisses zwischen dem Begriff der Gegenwart-Vergangenheit als Ursprung und dem Tier als Chronotopos der kolonialen Moderne erörtert Lee den imaginären Ein-Volk-Nationalismus, symptomatische Tropen des koreanischen Modernisierungsprozesses und das kollektive Unbewusste, wie es sich nach dem Ende der Kolonisation im Bild des Tigers äußerte.

Yongwoo Lee ist Medienhistoriker und Kulturwissenschaftler in New York und Seoul. Er unterrichtet am Department of East Asian Studies der New York University Medien- und Kulturlandschaften des modernen Korea, Filmtheorie und Populärkultur in Ostasien, Geistesgeschichte Japans im Zweiten Weltkrieg, koreanische Gegenwartskunst und postkoloniale Geschichtsschreibung.