Fr, 21. April 2017

Forgetting Vietnam

R: Trinh T. Minh-ha, USA-Vietnam, 2015, 90 min, OmE

Filmstill aus Forgetting Vietnam von Trinh T. Minh-ha, © Moongift Films

Filmstill aus Forgetting Vietnam von Trinh T. Minh-ha, © Moongift Films

In alten Zeiten hieß Vietnam đất nứớc vạn xuân – das Land der zehntausend Quellen. Einer der Schöpfungsmythen Vietnams erzählt vom Kampf zwischen zwei Drachen, deren ineinander verschlungene Leiber ins südchinesische Meer fielen und die S-förmig gebogene Küste Vietnams bildeten. Nach der Legende gingen auch die Urahnen Vietnams aus der Vereinigung des Drachenkönigs Lạc Long Quân und der Fee Âu Cơ hervor. Âu Cơ war ein mythischer Vogel, der eine Handvoll Erde verschlang und infolgedessen die Kraft zur Rückkehr in den 36. Himmel einbüßte. Die Tränen der Âu Cơ formten die unzähligen Flüsse Vietnams und die häufigen Überschwemmungen im Land sind dessen Art, sich ihrer zu erinnern. In seiner schwierigen geopolitischen Lage hängt Vietnam für sein Gedeihen von einem empfindlichen Gleichgewicht aus Bodenkultur und Wasserwirtschaft ab, Wasser ist als Leben erhaltende Macht in seiner Kultur allgegenwärtig.

1995 auf Hi-8 und 2012 auf HD und SD gedreht, entfalten sich die Bilder räumlich als Dialog zwischen den Elementen Land und Wasser, ähnlich wie beider Zusammenwirken schon in der Bildung des vietnamesischen Wortes für „Land“ (đất nứớc) zum Ausdruck kommt. Die Bilder übermitteln ein Stück Geschichte auch der Bildtechnologie und der politischen Wirklichkeit Vietnams. Sie wollen darüber hinaus von der Begegnung zwischen dem Alten, der festen Erde und dem Neuen erzählen, im Sinne eines flüssigen Tauschverkehrs in Zeiten rapider Globalisierung. Im Dialog mit diesen beiden Teilen steht ein dritter Raum der historischen und kulturellen Rückerinnerung an das, was Einheimischen, Einwanderer*innen und Kriegsveteran*innen von den unaussprechlichen gestrigen Geschichten noch gegenwärtig genug ist, um ihren Umgang mit dem heutigen politischen Geschehen zu prägen. In den Äußerungen dieser Zeitzeug*innen über einen Krieg, der Amerika so sehr gespalten hat wie kaum ein anderer, ist das Gespenst Vietnams und seine Rolle in der Weltgeschichte zugleich lebendig und schon so gut wie unkenntlich. Forgetting Vietnam berührt ein Trauma internationalen Ausmaßes. Der Film entstand zum Gedenken an den 40. Jahrestag des Kriegsendes und an die Überlebenden.

Regie, Drehbuch und Schnitt: Trinh T. Minh-ha. Produktion und Kamera: Trinh T. Minh-ha und Jean-Paul Bourdier. Musik: The Six Tones and ĐOI Music. Auftragswerk für: ACC Gwangju, Korea und HKW Berlin.