Do, 28. Juli 2016

Martinique — Kreolität und Imagination

Mit Patrick Chamoiseau, Guy Deslauriers und Christian Filips

Bild: Nicolas de Fer, Le golfe de Mexique, 1717 (Ausschnitt)

Bild: Nicolas de Fer, Le golfe de Mexique, 1717 (Ausschnitt)

Am Anfang der „Kreolisierung der Welt“ stand die Insel Martinique: Ausgehend von ihr beschrieb Edouard Glissant Prozesse kultureller Globalisierung; mit der Créolité entwarf er eine Poetik der Vielstimmigkeit. Patrick Chamoiseau ist einer ihrer bekanntesten Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm L'empreinte à Crusoé (Deutsch: Die Spur des Anderen, 2014), nominiert für den Internationalen Literaturpreis. Für den Regisseur Guy Deslauriers hat er sämtliche Drehbücher geschrieben. Ihr Film Passage du milieu imaginiert die Überfahrt im Sklavenschiff aus der Sicht eines der Verschleppten. Für Deslauriers und Chamoiseau liegt hier der Ursprung kreolischer Identität: „Es geht um eine Gegengeschichte, darum, die Leerstellen der offiziellen Geschichtsschreibung auszufüllen. Wir mussten hinunter in den Bauch des Schiffes. Dort beginnt die Imagination.“ Zum Vielklang des Abends gehört auch die Stimme von Lafcadio Hearn (1850 — 1904), der zurzeit in Deutschland wiederentdeckt und neu übersetzt herausgegeben wird. Seine Reportagen über Alltag und Folklore auf Martinique haben das von Chamoiseau mitverfasste Manifest Eloge de la Créolité entscheidend beeinflusst. Christian Filips’ Leseperformance erweckt seine Sprachgewalt zum Leben.

Kuratiert von Aurélie Maurin und Eric Sarner, moderiert von Barbara Wahlster

Patrick Chamoiseau, geboren 1953 auf Martinique, studierte in Frankreich Recht und Sozialwirtschaft und arbeitete zunächst als Sozialarbeiter. Nach seiner Rückkehr auf die Insel widmete er sich in seinen zahlreichen Texten der Erforschung der kreolischen Kultur. Ein theoretisches Fundament kreolischer Identität formulierte er mit Raphaël Confiant und Jean Bernabé in dem Manifest Éloge de la créolité (1989, zu Deutsch: „Lobrede auf die Kreolität“). Er veröffentlichte Theaterstücke, Romane, Erzählungen und literarische Essays, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Für seinen Roman Texaco erhielt er 1992 den Prix Goncourt. Sein Roman Die Spur des Anderen wurde 2015 für den Internationalen Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt nominiert.

Guy Deslauriers ist ein französischer Filmmacher. In seinen preisgekrönten Spiel- und Dokumentarfilmen beschäftigt er sich immer wieder mit Martinique, der Insel seiner Herkunft. In seinen Filmen zur Geschichte der Versklavung und Verschleppung ihrer Bewohner*innen gibt er denen eine Stimme, von deren Einzelschicksalen es kaum Spuren gibt. Patrick Chamoiseau hat alle Drehbücher seiner Filme geschrieben, dazu gehören Quiproquo (1987), Les Oubliés de la liberté (1994), Raphaël Elizé (1995), Le Passage du Milieu (1999), Biguine (2003), Aliker (2007) und Edouard Glissant – Un siècle d'écrivain (2013).

Christian Filips ist freier Autor und Übersetzer, in den letzten Jahren arbeitet er vermehrt auch als Regisseur und Performer. Er studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Wien und an der Freien Universität Berlin. Seit 2006 ist er Programmleiter und Dramaturg an der Sing-Akademie zu Berlin. Für seine literarischen Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, so mit dem Rimbaud-Preis des Österreichischen Rundfunks. Seine Inszenierungen, Aktionen, Konzert- und Theaterarbeiten waren u. a. am Berliner Ensemble, im Haus der Berliner Festspiele und am Staatstheater Darmstadt zu sehen.

Aurélie Maurin, geb. 1975 in Paris, studierte Literaturwissenschaft und Linguistik in Paris. Sie lebt seit 2000 als freie Veranstaltungskuratorin für verschiedene Institutionen und Autoreninitiativen in Berlin, seit 2002 Projektleiterin bei der Literaturwerkstatt Berlin. Sie ist Mitherausgeberin der Buchreihe VERSschmuggel (Verlag Das Wunderhorn) und der deutsch-französischen Kunst- und Literaturzeitschrift La mer gelée. Sie übersetzt Lyrik; letzte Publikationen:
Christian Prigent: Die Seele (zusammen mit Christian Filips); roughbooks, 2015
Thomas Brasch: Belles sont les rimes Les rimes te mentent (zusammen mit Bernard Banoun); hochroth paris 2015.
Seit 2016 Vorstand im „Netzwerk freie Literaturszene Berlin (NFLB) e.V.“

Eric Sarner ist Dichter, Journalist und Filmemacher. Er lebt heute zwischen Berlin, Montevideo und Paris. 2014 erhielt er den renommierten Max-Jakob Preis für seinen Gedichtband Coeur chronique. 1990 begab sich Sarner auf Haiti auf die Suche nach dem Schriftsteller und Aktivisten Jacques Stephen Alexis, der 1961 die Insel von der damaligen Diktatur unter François Duvalier befreien wollte und verschwand. Sein Buch Windpassage. Eine Reise nach Haiti bei Klett-Cotta (1998) verwebt die vergebliche Suche nach dem Vermissten zu einer Chronik der blutigen Umstände eines unaufgeklärten Mordes mit kolonialen Geistergeschichten und den Hoffnungen eines jungen Revolutionärs auf ein Wunder.