Sa, 02. April 2016

Die Frage der Solidarität

Mit Kader Attia und Doreen Mende, Einführung und Moderation: Paz Guevara

Was wäre, wenn das internationalistische Projekt der „Solidarität“ nichts anderes war als eine Fortführung des globalen Kalten Kriegs mittels Bilder, Ausstellungen und Architekturen? Was, wenn Solidarität selbst eine besondere Form des politischen Paradoxons wäre? Kader Attia und Doreen Mende besprechen Fragen der Solidarität zwischen der DDR, Palästina, Algerien und Chile um 1980, zu einem Zeitpunkt, an dem – in den Worten der ostdeutschen Filmemacherin Iris Gusner: „Solidarität zeigen“ zum „bürokratischen Akt“ verkam. Ein Zeitpunkt, in dem Solidarität als Verkündung eines sozialistischen Internationalismus sich überlagert mit dem Menschenrechtsdiskurs der Vereinten Nationen, das ersteren ersetzen sollte. Die Frage der Solidarität entsteht also im Spannungsfeld zwischen staatlich geförderten Programmen und informellen Allianzen, sozialistischer Freundschaft und emanzipatorischer Genossenschaft, zwischen Protokollen, Politik und Pathos.

Kader Attia wuchs zwischen Algerien und Pariser Vororten auf. Diese Erfahrung, Teil von zwei Kulturen zu sein, ist Ausgangspunkt seiner dynamischen künstlerischen Praxis, die Ästhetik und Ethik verschiedener Kulturen reflektiert. Mit einem poetischen und symbolischen Ansatz untersucht er die weitreichende Wirkung von westlicher moderner kultureller Hegemonie und Kolonialismus auf nichtwestliche Kulturen. Dabei nimmt er historische und koloniale Identitätspolitiken in Tradition und Moderne in den Blick und entwirft dabei eine Genealogie unserer globalisierten Welt. Im Zentrum seiner Arbeit steht das Konzept der „Reparatur“, als eine Konstante der menschlichen Natur, von der das moderne westliche Denken und das traditionelle extra-okzidentale Denken immer ein gegensätzliches Verständnis hatten. Von Kultur zu Natur, von Gender zu Architektur, von Wissenschaft zu Philosophie – jedes System des Lebens ist ein unendlicher Prozess der Reparatur. Zuletzt hatte Attia Soloausstellungen im Musée Cantonal des Beaux Arts de Lausanne, Middelheim Museum, Antwerp, Beirut Art Center, Whitechapel Gallery, London, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, er nahm an der Biennale of Dakar und der dOCUMENTA(13) in Kassel teil und an Ausstellungen im MoMA, New York und Tate Modern, London.

Doreen Mende ist Kuratorin und Theoretikerin. Unter ihren letzten Forschungsprojekten sind KP Brehmer Real Capital – Production (2014, Raven Row, London), Travelling Communiqué (2014/13, Museum für Jugoslawische Geschichte in Belgrad, Haus der Kulturen der Welt, Berlin), Double Bound Economies (2013/12, Halle 14 in Leipzig, centre de la photographie in Geneva, ETH in Zurich, Thomas Fischer Galerie in Berlin), KP Brehmer: A Test Extending Beyond the Action (2011, CAAC, Sevilla). Projektbezogene Kollaborationen in Ramallah, Beirut, Addis Ababa und Tehran. Mende ist Mitherausgeberin des e-flux Journals 59 über Harun Farocki (2014), schreibt regelmäßig für den Blog des Manifesta Journals (2013/14) und war Chefredakteurin der Publikationsreihe Displayer an der Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe / ZKM Karlsruhe (2006–09). PhD in Curatorial/Knowledge am Goldsmiths, University of London. Dozentin am Dutch Art Institute. Seit September 2015 leitet sie das forschungsbasierte Master-Program CCC über Praxis und Theorie kuratorischer Fragen in der Geopolitik am HEAD Genève. Mende lebt in Berlin und Genf.