Fr, 23. Oktober 2015

Das Up und Down und Up der Mietskaserne

Mit Franziska Bollerey (TU Delft)

Als Industriemetropole entwickelte sich Berlin im 19. Jahrhundert zur größten Mietskasernenstadt der Welt. Die Mietskaserne war die Behausung der explosionsartig anwachsenden arbeitenden Bevölkerung. Sie war ein Produkt der von sozialen Gegensätzen geprägten wilhelminischen Klassengesellschaft.

„In dem Wort Kaserne liegt alles: grau, kahl, unwirtlich, schmutzig, viele Stockwerke hoch … in eintöniger Reihe mit engen schematischen Räumen … Wand an Wand mit vielen fremden Menschen,“ schreibt Otto Rühle in Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats (Frankfurt 1930/1971, S.377).

Eine unzureichende Baugesetzgebung wie z. B. die Fehlauslegung des Kanalisationsplans von James Hobrecht sowie die schamlose Spekulation verdichteten die Stadt aufs Unerträglichste. Es war diese Verdichtung, die die katastrophalen Wohnbedingungen extrem zuspitzte. Hinter den Fassaden charakterisierten Hinterhöfe und Brandmauern das Stadtbild. Die Kritik an der Mietskaserne, ihren unhygienischen und asozialen Konditionen, gipfelte in Werner Hegemanns Das steinerne Berlin.

Ganz im Trend dieser Kritik, die die Trennung der Funktionen und die aufgelockerte Stadt propagierte, lud Berlin die Architekten der Welt zur Interbau 1957 in die kriegszerstörte Stadt. In Folge rückte man in den 1960er Jahren der Mietskaserne mit der Abrissbirne zu Leibe. Eine alternative Szene setzte sich zur Wehr. Spätestens mit der IBA 84/87 und der 750-Jahr-Feier wurde die Mietskaserne wieder hoffähig. Unter dem Motto „Kreuzberger Mischung“ entwickelte die IBA Altbau unter Hardt–Waltherr Hämer Konzepte zur sorgsamen Entkernung und Revitalisierung der Gewerbehöfe. Die Aufwertung der Berliner Arbeiterviertel hatte leider auch eine Verdrängung der autochthonen Bevölkerung zur Folge, die sich nach der Wende auch im Prenzlauer Berg und Friedrichshain vollzog. Die nun wieder attraktiven Mietskasernenquartiere sind durch die Gentrifizierung charakterisiert.