Mi, 30. September 2015

Reden aus dem Labor

Mit Jimena Canales, Orit Halpern, Mark B. N. Hansen, S Løchlann Jain, Hans-Jörg Rheinberger und Henning Schmidgen

Wie haben Labore die politischen, ökonomischen, sozialen Ereignisse der letzten hundert Jahre beeinflusst? Wie formen sie die gegenwärtige Welt? Drei Gespräche erkunden das epistemologische Fundament, das unser Weltverständnis im letzten Jahrhundert geprägt hat.

Labore bilden den exemplarischen Raum der Moderne, in dem Mensch und Maschine, Organismus und Mechanismus dekonstruiert, neu verhandelt und zusammengesetzt werden. Sie sind Orte der Macht, Kontrolle und Schöpfung und fungieren als zentrale Knotenpunkte für das „Weltmachen“. Damit ersetzen sie Kapelle, Legislative und Gefängnis als Ort sozialer und geistiger Transformation sowie Atelier und andere Räume für kreative und pädagogische Praxis. „Reden aus dem Labor“ verhandelt die Implikationen naturwissenschaftlicher Forschung auf die Gestaltung unserer Geschichte und Gegenwart, auf politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und ideologische Sphären und blickt auf die kollektive Praxis „experimenteller Spekulation“ und ihre Rolle im kommenden Jahrhundert.

Jimena Canales & S Løchlann Jain: Migrant time
Ausgehend von der Annahme, dass Zeit gesellschaftlich vereinbarte Fiktion ist, untersuchen die Wissenschaftshistorikerin Canales und die Anthropologin Jain, wie das moderne Labor unterschiedliche Zeitvorstellungen formt. Ausgehend vom Begriff der „Migrant time“ (wandernde Zeit) - einem Konzept, das sich auf Rituale der Fürsorge, des Teilens, Gebens, Nehmens und Wartens stützt – bringen sie Mikro- und Makro-Lesarten von Zeit und Zeitlichkeit zusammen und hinterfragen die allgemeingültigen Begriffe von Fortschritt, Zukunft und Geschichte.

Mark B. N. Hansen & Hans-Jörg Rheinberger: Das Labor als zukunftsgenerierende Maschine
Wie haben neue, im Labor produzierte Arten des Schreibens, der Verkörperung und Instrumentierung unsere Alltagswahrnehmung geformt? Und wie lässt sich das Experiment als ästhetisches Phänomen verstehen? Rheinberger und Hansen erörtern die Dispositive von Körpern und Maschinen, das Labor als eine „Maschine zur Erzeugung der Zukunft“, Praktiken des Experiments und ihre Resultate sowie die dazugehörigen Ästhetiken, die unsere Gesellschaft heute definieren.

Orit Halpern & Henning Schmidgen: Von experimentellen Räumen zu „architectural machines“
Der Wissenschaftshistoriker Schmidgen und die Medientheoretikerin Halpern zeichnen die Ausweitung und Transformation des Labors anhand des Begriffs der „architectural machines“ nach: Félix Guattari (administrativer Direktor der psychiatrischen Avantgarde-Klinik “La Borde” in Cour-Cheverny, Frankreich) und Nicholas Negroponte (Mitgründer des MIT Media Lab in Cambridge, USA) entwickelten unabhängig voneinander, allerdings unter grundverschiedenen Voraussetzungen das Konzept der „architectural machines“, um experimentelle Praktiken zu etablieren, die heute entscheidende Bestandteile unserer post-kybernetischen Gegenwart sind. Beide Institutionen haben so entscheidend dazu beigetragen, die Formen der Interaktion zwischen Menschen, Technologien und Architekturen neu zu denken.


Biografien

Jimena Canales ist die Autorin von The Physicist and the Philosopher: Einstein, Bergson and the Debate That Changed Our Understanding of Time (Princeton University Press) und A Tenth of a Second: A History (University of Chicago Press). Zurzeit hat sie den Thomas M. Siebel Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte an der University of Illinois-UC inne und war zuvor Assistant and Associate Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Harvard University und senior fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM). Sie schreibt auch für ein breiteres Publikum in WIRED magazine, für die BBC, für Aperture und in Artforum.

Orit Halpern ist Associate Professor of Interactive Design am Department für Soziologie und Anthropologie der Concordia University in Montréal. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf den Geschichten digitaler Technologien, Kybernetik, Human- und Kognitionswissenschaften und Design. Insbesondere beschäftigt sich Halpern mit den Ursprüngen und Verläufen von Big Data, Interaktivität und ubiquitous computing. Ihr aktuelles Buch Beautiful Data: A History of Vision and Reason since 1945 (Duke Press 2015), stellt eine Genealogie von Interaktivität, Interfaces und Big Data dar. Sie erarbeitete Werke und Veröffentlichungen für diverse Veranstaltungshäuser und Fachblätter, darunter The Journal of Visual Culture, Public Culture, Configurations und das ZKM in Karlsruhe.

Mark Hansen ist Professor für Literatur und Visual Studies an der Duke University. Er erforscht die Bedeutung von Technik für Mensch und Gesellschaft und überschreitet dabei eine Vielzahl an Disziplinen wie Literaturwissenschaft, Film und Medien, Philosophie, Wissenschaftsgeschichte und kognitive Neurowissenschaft. Die Menschsein als Lebensform charakterisierende unablässige technologische Entäußerung erforschend, fokussiert er sich insbesondere auf die zentrale Rolle von bildender Kunst, Literatur und kulturellen Bräuchen bei der Vermittlung von individueller und kollektiver Anpassung an Technik von der industriellen Revolution bis zur digitalen Revolution.

S. Løchlann Jain ist Associate Professor am Institut für Anthropologie an der Stanford University, wo sie Medizin- und Rechtsanthropologie lehrt. Zu ihren Veröffentlichungen zählen unter anderem Injury (Princeton University Press, 2006) und Malignant: How Cancer Becomes Us (University of California Press, 2013), welches den Victor Turner Prize, den Edelstein Prize, den Diana Forsythe Prize und den Fleck Prize gewann. Jain arbeitet derzeit an drei Projekten – an der Entwicklung von Methoden für die Anthropologie aus der Theater- und Kunstpraxis, der Untersuchung der Ursprünge von HIV sowie der Geschichte und Theorie von Autounfällen.

Hans-Jörg Rheinberger ist Molekularbiologe und Wissenschaftshistoriker. Er studierte Philosophie, Linguistik und Biologie in Tübingen und Berlin. Er ist Honorarprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der TU Berlin, Dr. h.c. der ETH Zürich, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie der Leopoldina und ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Seine heutigen Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte und Epistemologie des Experiments und die Beziehungen zwischen den Künsten und den Wissenschaften.

Henning Schmidgen ist Professor für Theorie medialer Welten an der Bauhaus-Universität Weimar. Er studierte Psychologie, Philosophie und Linguistik in Berlin und Paris, war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Professor für Medienästhetik an der Universität Regensburg. Seine Veröffentlichungen befassen sich mit der Geschichte der experimentellen Lebenswissenschaften, mit der Philosophie und Ästhetik der Maschinen und mit der Akteur-Netzwerk-Theorie. Zuletzt erschienen von ihm Hirn und Zeit. Die Geschichte eines Experiments, 1800-1950 (Berlin 2014) sowie Bruno Latour in Pieces. An Intellectual Biography (New York 2015).