Mi, 30. September 2015

Reden aus dem Gefängnis

Mit Rana Dasgupta, Avery F. Gordon und Natascha Sadr Haghighian

In der politischen Geschichte ist das Gefängnis nicht nur Ort der unmittelbaren Erfahrung von Staatsmacht – hier sollen auch Widerstand und Dissens zum Schweigen gebracht werden. In Nachrichten, Briefen und Büchern, die in Gefängnissen von politischen Häftlingen wie Rosa Luxemburg und Jawaharlal Nehru geschrieben wurden, spiegelt sich das Gewalt-Kalkül moderner Gesellschaften.

Welches Bild der Geschichte ergibt sich aus der Perspektive der Gefängniszelle und ihrer Rolle in den politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts? Die Gefängniszelle ist der Ort einer nackten, unmittelbaren Erfahrung von Staatsmacht und Staatsgewalt – und häufig jener Ort, in dem Staatsordnung zum Terror wird, Recht zum Instrument von Rechtlosigkeit. In der politischen Geschichte steht die Zelle wie kein anderes Bild für den Versuch, Dissens und Widerstand zum Schweigen zu bringen. Doch aus genau diesem Grund ist die Zelle auch der Ort der Sprache: einer Sprache, die von jenem Ort des Einschlusses und Ausschlusses spricht, an dem Gesellschaft und Gemeinschaft zerbricht oder erst ins Leben gerufen wird. Die Geschichte der Nachrichten, Briefe und Bücher, die in Gefängnissen von politischen Häftlingen geschrieben wurden, ist auch eine Geschichte, die das Gewalt-Kalkül moderner Gesellschaften reflektiert.

Avery F. Gordon & Natascha Sadr Haghighian
Ausgehend von den 1918 im Gefängnis verfassten Briefen Rosa Luxemburgs erörtern die Soziologin Avery F. Gordon und die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian die Beziehung von Kapitalismus und Staat zu Gefängnisinsassen und Widerstand.

Rana Dasgupta
Zahlreiche politische Leitfiguren des 20. Jahrhunderts haben eine Vergangenheit im Gefängnis. Für kommunistische Anführer wie anti-imperiale Aktivisten wurde es zum Laboratorium ihres politischen Denkens. Ausgehend von Jawaharlal Nehrus The Discovery of India, das der spätere indische Premierminister in britischer Gefangenschaft verfasste, erörtert Dasgupta, was es für die Politik bedeutet, dass ihre Theorien oft außerhalb des politischen Handlungsgebiets – in Gefängnissen – entstanden.


Biografien

Rana Dasgupta ist Schriftsteller und Essayist. In seinen Texten stehen Themen wie Heimat und Heimatlosigkeit sowie Verwurzelung und Bewegung in einer globalisierten Welt im Mittelpunkt. Dasgupta ist Preisträger des Commonwealth Writers' Prize für seinen Roman Solo (2009). Sein neuestes Werk, Delhi: Im Rausch des Geldes (2014), ist ein Sachbuch über seine Wahlheimat Delhi und die Umbrüche und Charaktere, welche die Globalisierung hervorgebracht hat. Dasgupta ist ein angesehener Gastdozent und Writer-in-Residence am Department of Modern Culture and Media an der Brown University.

Avery F. Gordon ist Professorin für Soziologie an der University of California in Santa Barbara und von 2015 bis 2018 Visiting Professor am Birkbeck Department of Law der University of London. Sie ist Autorin von The Workhouse: The Breitenau Room (gem. mit Ines Schaber), Keeping Good Time: Reflections on Knowledge, Power and People und Ghostly Matters: Haunting and the Sociological Imagination, sowie weiterer Bücher und Aufsätze. Sie arbeitet vor allem über radikale Theorie und Praxis. In den vergangenen Jahren hat sie sich mit Gefangenschaft, Krieg und anderen Formen von Enteignung, sowie mit Mitteln und Wegen zu deren Abschaffung auseinandergesetzt. Sie gehört dem Herausgeberkomitee der Zeitschrift Race & Class an und ist eine der Moderatorinnen von No Alibis, einer wöchentlichen Radiosendung auf KCSB FM Santa Barbara zu Themen von öffentlichem Interesse. Außerdem ist sie Kustodin des Hawthorne Archive.

Natascha Sadr Haghighian wurde mit ihrer forschungsbasierten künstlerischen Arbeit in unterschiedlichen Formen und Formaten wie Video, Performance, Installation, Text und Klang bekannt. Sie befasst sich hauptsächlich mit den Folgen zeitgenössischer Spielarten von Weltschöpfung, insbesondere der visuellen. Anstatt hier Glanzleistungen ihres Werdegangs aufzuführen, bittet Haghighian ihre Leser, die Lebenslaufbörse bioswop.net im Internet zu besuchen. Hier können Künstler*innen und andere Kulturschaffende Lebensläufe für verschiedene Zwecke entleihen oder verleihen.