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Sa, 03. Oktober 2015

Der Angriff der Zeit auf das übrige Leben: Imagination

Lecture Performance „I Utter Other“ von Slavs and Tatars | Gespräch Slavs and Tatars, Gwendolyn Sasse, Helge Jordheim

Aus: Slavs and Tatars, I Utter Other, 2014, Lecture-Performance

Aus: Slavs and Tatars, I Utter Other, 2014, Lecture-Performance

Das Ordnungssystem Zeit durchdringt alle Lebensbereiche. Im „global village“ der technologischen Zeit kann jeder zu jedem Zeitpunkt von jedem erdenklichen Ort Informationen erhalten. Der drahtlosen Kommunikation sind keine Grenzen gesetzt. Als Grundlage der Finanzmärkte treibt sie die permanente Beschleunigung der Welt voran. Die Zukunft wird bereits von der Gegenwart aufgebraucht und mit riesigen Mengen von Daten, Müll und Schulden zugebaut. Unter den Bedingungen von Echtzeitkommunikation und globaler Mobilität gehen zwei Zeitressourcen verloren: Die Sinn und Identität stiftende Vergangenheit, und eine Zukunft, die utopische Gegenentwürfe zum Jetzt erlaubt.
Im Rahmen des Auftakts von „100 Jahre Gegenwart“ untersuchen vier Veranstaltungen den Zeitraum von hundert Jahren als historischen Imaginationsraum unterschiedlicher Ausdehnungen und Verknüpfungen von Zeit: Was prägt die gegenwärtig vorherrschende Auffassung von Zeit im beschleunigten Kapitalismus? Wie beeinflusst sie unsere Wahrnehmung und Deutung der Welt? Wie wird Zeit im Experiment und im Labor hergestellt? Wie werden historische Ereignisse, Texte und Kulturen zu erfahrbaren Räumen? Und wie könnten andere Zeitvorstellungen Handlungsspielräume eröffnen?

In welchem Zusammenhang stehen ukrainische Städtenamen, die Christianisierung Russlands unter Prinz Vladimir dem Großen, die deutsche Aufklärung und die Taxonomien russischer Orientalisten? Wie ließe sich eine eurasische Geschichte der territorialen Konflikte, der Sprachen und Geopolitiken Russlands, Zentralasiens, Irans, Osteuropas und des Kaukasus schreiben und welche Zeitvorstellung würde ihr zu Grunde liegen? In einem Akt historischer Imagination befasst sich das Panel mit den Ursprüngen des Russischen Orientalismus, mit Edward Saids Theorie, den Konstrukten von „Ost“ und „West“ und untersucht, in welchem Verhältnis diese Fragen zum gegenwärtigen Konflikt auf der Krim und in der gesamten Ukraine stehen.


Biografien

Slavs and Tatars ist eine Fraktion der Polemik und Intimitäten, die sich einem Gebiet östlich der früheren Berliner Mauer und westlich der Chinesischen Mauer widmet, bekannt als Eurasien. Ihre Mitglieder haben in bedeutenden Institutionen im Nahen Osten, Europa und Nordamerika ausgestellt. Zu den Institutionen, die ihnen Einzelausstellungen gewidmet haben, gehören u.a. das MoMA in New York (2012), die Secession, Wien (2012), das dallas Museum of Art (2014), die Kunsthalle Zürich und NYU Abu Dhabi (2015). Slavs and Tatars haben mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem Mirrors for Princes (JRP|Ringier / NYU Abu Dhabi, 2015), Not Moscow Not Mecca (Revolver/Secession, 2012), Khhhhhhh (Mousse/Moravia Gallery, 2012) wie auch ihre Übersetzung der legendären aserbaidschanischen Satire Molla Nasreddin: the magazine that would’ve, could’ve, should’ve (JRP-Ringier, 2011). Slavs and Tatars sind für den Preis der Nationalgalerie 2015 nominiert.

Gwendolyn Sasse ist Professorial Fellow am Nuffield College und Professorin für Vergleichende Politikwissenschaft am Institut für Politik und internationale Beziehungen und der School for Interdisciplinary Area Studies an der University of Oxford. Bevor sie 2007 nach Oxford kam, war sie Senior Lecturer am European Institute und dem Department of Government an der London School of Economics. Ihre Forschung konzentriert sich auf unterschiedliche Dimensionen von Regimewechseln, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der postkommunistischen Region. Ihr Buch The Crimea Question: Identity, Transition, and Conflict (Cambridge, Harvard University Press, 2007) wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

Helge Jordheim ist Professor für Kulturgeschichte an der Universität Oslo in Norwegen und derzeit Gastprofessor an der New York University. Zuvor war er wissenschaftlicher Direktor des interdisziplinären Forschungsprogramms KULTRANS – Kulturelle Transformationen im Zeitalter der Globalisierung. Jordheim ist promovierter Germanist und hat vielfältig zu Politik und Literatur im 18. Jahrhundert publiziert. Inzwischen hat er sich auf das Gebiet der Begriffsgeschichte verlegt und erkundet Begriffe wie Imperium, Zivilisation und Welt. In den letzten Jahren interessiert es sich vornehmlich für Zeit und Zeitlichkeit, insbesondere für die Frage, wie sich Zeiten in pluralen, vielfältigen Zeitlichkeiten und Zeitschichten denken lassen.